ZEIT-Gespräch mit dem französischen Kulturminister Jack Lang

Von Fritz J. Raddatz

Fritz J. Raddatz: Haben Sie eine spezielle Konzeption sozialistischer Kultur, oder sind Sie nur ein Malraux der Linken?

Jack Lang: Weder das eine noch das andere,

Raddatz: Bißchen wenig.

Lang: Jeder von uns, auch Sie, ist ein Ideenträger. Aber die Geschichte lehrt, daß man sich vor Prophetien hüten muß. Die Geschichte der Wissenschaften, zum Beispiel, ist gekennzeichnet von schweren Irrtümern – von Galilei bis Einstein. Wir sind zur Zeit dabei im Parc de la Villette ein großes wissenschaftliches Zentrum einzurichten, das auch ein wissenschaftliches und technisches Museum beherbergen wird – und ich sagte zu dem Verantwortlichen: „Vor allem vergessen Sie nicht, eine große Abteilung für die wissenschaftlichen Irrtümer vorzusehen! Ich habe den größten Teil meines Lebens in Nancy, der Hauptstadt Lothringens verbracht. Und das interessiert Sie als Deutschen direkt: Nach dem Krieg von 1870, den Frankreich verloren hatte, wollten die Franzosen ein bißchen aus Nancy, der letzten französischen Grenzstadt vor Deutschland, eine Art Schaufenster der französischen Kultur machen. Aber, es waren die Deutschen, die die Röntgenstrahlen erfunden hatten. Nun war es für das Bewußtsein der Leute notwendig, daß auch die Franzosen etwas erfänden. So erfand ein gewisser Monsieur Blondlot die „n“-Strahlen. Diesen „n“-Strahlen sagte man erstaunliche Eigenschaften nach. Jeder war Träger dieser Strahlen, Frauen mehr als Männer. Er wurde von der Akademie der Wissenschaften in Paris empfangen und als einer der großen Manner des Jahrhunderts gefeiert. Wer die Theorie des Herrn Blondlot bestritt, war kein guter Franzose.

Ich würde mich davor hüten, meine eigene Theorie der „n“-Strahlen zu entwickeln. Ich ziehe es vor, viel bescheidener zu sein, was die soziale Realität betrifft.