Von Stefanie Kötter

Eigentlich wollte Nicoletta nicht nach Deutschland. Doch nach bestandenem Abitur hat die Mutter der 19jährigen Mailänderin eine Annonce in eine Hamburger Zeitung gesetzt: „Italienerin sucht Au-pair-Stelle in Deutschland.“ Nun arbeitet Nicoletta seit drei Monaten bei einer jungen deutsch-holländischen Familie in mittag die Wohnung sauber und spielt mit dem neun Monate alten Julian Willem. „Das ist ein lieber Junge“, sagt Nicoletta. „Wenn ich ihm beim Spazierengehen italienische Lieder vorsinge, lacht er.“

Das 19jährige Au-pair-Mädchen Michelle aus einem Dorf in Südengland fand jeden Morgen neben dem Frühstücksteller eine Liste von Arbeiten vor, die sie zu erledigen hatte. Hinter jedem Auftrag standen das Wort „gründlich“ und fünf Ausrufezeichen. Jeden Tag sollte ich die Toilette mit der Zahnbürste schrubben, sie haben mich wirklich wie eine Sklavin gehalten“, erzählt Michelle. Nach einer heftigen Auseinandersetzung mit der Au-pair-Mutter hat sie die Familie über Nacht verlassen und lebt jetzt in einem freundlichen Hause.

Traveller au pair, so übersetzt Larousse, bedeutet: gegen Kost und Logis arbeiten. Nicoletta und Michelle gehören zu den rund 300 jungen Ausländerinnen, die zur Zeit auf diese Weise Hamburg und deutsches Familienleben kennenlernen. Für beide eine mehr oder minder willkommene Abwechslung zum vergangenen Schulalltag. Andere nutzen diese Zeit im Ausland, um der Arbeitslosigkeit zu entgehen oder einfach, weil sie vor ihrem Studium einen „Tapetenwechsel“ haben möchten. Sechs Monate oder ein Jahr bleiben sie.

Fünf bis sechs Stunden Arbeitszeit am Tag und mindestens einen ganzen freien Tag pro Woche schreibt ein Abkommen des Europarates für die Aü-pair-Beschäftigung vor; auch soll der Besuch des sonntäglichen Gottesdienstes möglich sein. „Das junge Mädchen hilft der Hausfrau bei allen anfallenden Hausarbeiten, es kann jedoch keine Putzfrau ersetzen und sollte nicht zu groben Hausarbeiten herangezogen werden“, heißt es da. Über den Charakter von „anfallenden Hausarbeiten“ sind sich Gastmutter und Au-pair zumeist einig: Frühstückstisch decken, Blusen bügeln und Staubsaugen fällt eindeutig in den Tätigkeitsbereich der Haustochter. „Wenn ein Mädchen dagegen stundenlang den Keller schrubben muß, verweisen wir die Au-pair-Eltern auf unsere Richtlinien“, erklärt Dagmar Klemm vom Verein für Internationale Jugendarbeit.

Jedes Jahr vermittelt und betreut die Hamburger Geschäftsstelle dieses Vereins mehr als 200 Bewerberinnen an Familien der Hansestadt. Die Zentralstelle für Arbeitsvermittlung in Frankfurt ist eine weitere Anlaufstelle für zukünftige Haustöchter; manche dagegen bevorzugen kirchliche Au-pair-Vermittlungen oder annoncieren in einer Zeitung.

Ein eigenes Zimmer und kostenlose Verpflegung auch an freien Tagen müssen selbstverständlich sein. Als Taschengeld gelten 250 Mark im Monat als angemessen, zusätzlich zahlt die Familie eine Monatskarte für die öffentlichen Verkehrsmittel.