Drogenabhängige, von Klaus Goldinger und Peter Douven

Ärzte konnten viel lernen am Sonntagvormittag – über eine Form der Anamnese zum Beispiel, die den Charakter eines literarischen Meisterwerks gewinnen kann: Pathographien höchsten Ranges, wie Freud sie geschrieben hat. Wie weit einer kommen kann, wenn er sich auf die Herausarbeitung des Exemplarischen beschränkt, das Zufällige eliminiert und das scheinbar nicht Zusammenhängende zum plötzlich sinnfällig werdenden Muster verbindet, das bewiesen die Autoren Goldinger und Douven, als sie in knapper und treffender Zeichnung die Psychographie einer Drogenabhängigen entwarfen: am vierten Tag nach der Geburt von der Mutter verlassen, aufgewachsen unter Verwandten, Heiminsassen, Pflegebefugten (auch die Eltern, durch Selbstmord endend, spielten eine Gastrolle, zwischendurch), hin- und hergestoßen, geschubst und geprügelt, geschurigelt von einem Pastor, entwürdigt von einem Mölkereibesitzer (alltags am Personaltisch, sonntags an der Familientafel), geschlagen vom Vater ("Der einzige körperliche Kontakt: Prügel im Viehstall") und verhöhnt von der Stiefmutter. ("Schreib hundertmal: Ein Elternhaus ist kein Hotel. Für jeden Fehler setzt’s Hiebe.")

Ärzte, wie gesagt, konnten viel lernen über die Technik des Charakterogramms, dessen Güte sich nach der Anzahl stimmiger Details bemißt, deren Ganzes mehr ist als die Summe der Teile. Und dazu konnten sie etwas lernen, die Ärzte, über die offenbar weitverbreitete Praktik: gegen gutes Geld Betäubungsmittel zu geben, Tag für Tag, die den Patienten immer weiter zerstören. Ein Skandal ohne Beispiel, wenn nur ein Bruchteil von dem stimmte, was in diesem Film über skrupellose Ärzte (nein, nicht Ärzte: weißbekittelte Dealer) ausgesagt wurde: mit welcher Fahrlässigkeit da Süchtige am Morgen ihre Valoron-Dosis in der Praxis bekommen, die ausreicht, sie bis zum Abend "angetörnt" sein zu lassen, und wieviel "zurückkommt", wenn einer die Scheine mit der richtigen Farbe hinblättert. (Vermeintlich zurückkommt, sagen wir: die Ärztekammern auffordernd, zu den – ungeheuerlichen! – Vorwürfen, wie sie in diesem Filmerhoben wurden, Stellung zu nehmen ... und zwar klipp und klar.)

Die Geschichte Marions – eine Geschichte mit offenem Schluß. Die Sprache zeigte an, wie mühsam hier jemand, befreit aus der akuten, aber nicht der latent ten Gefahr, um Distanz zu einer Welt zu kämpfen hatte, wo morgens um fünf "der Affe anfängt", wo man im LSD-Rausch "’ne Klatsche weg hat", wo Kundige ihre Halluzinationen mit "M-Täbs runterschießen", wo "drücken" tausendmal besser ist als Katzenklos saubermachen zu müssen, und wo man sich beim Fernseh-"Rockpalast" mit einem Schuß in die Stimmung des Partizipanten versetzt:Ich sitze nicht vor der Glotze, ich pfeifeund gestikuliere und bin dabei, jetzt unter den Tausenden im Saal.

Einerlei, ob sie ihren Traum vom "cool werden" jenseits der Drogen, vom großen "Checken" ohne Hilfe von Valoron artikulierte, Marion, einerlei, ob sie über die Vorteile einer Schwangerschaft im Verhältnis zu sinnloser Arbeit nachdachte oder ob sie – eine unvergeßliche Szene –die Gedanken eines in der Grünen Minna zum Knast beförderten Kindes beschrieb, das plötzlich, draußen im Freien, vor der Kunsthalle seinen Vater entdeckt: An der Grenze von Drohung und Freiheit gelang es, die Anamnese der Autoren blitzartig zu bestätigen, einen Schulbuchfall auf die persönliche Formel zu bringen und damit dem tausendmal Beschriebenen, ungeachtet aller stereotypen Momente, den Rang des Einzigartigen zu geben: Ich heiße Marion. Es könnte sein, daß ich gerettet bin. Aber gewiß ist es nicht.

Ein Lehrfilm für Ärzte, für Sozialarbeiter, für Veranstalter von Fernsehsendungen wie "Rockpalast", für Jugendliche in Marions Lage – und für jedermann.

Momos