Von Wilhelm Herzog

Draußen vor der Tür lärmen sie noch. Als sie den Raum betreten, verstummen sie. Sie suchen sich ohne die übliche Rangelei und Schubserei einen Platz und schauen, manche mit Scheu, andere mit offener Neugier, auf die junge Berufsberaterin. Sie sehen alle so aus, als seien sie nicht immer so brav. Es sind die Mädchen und Jungen einer zehnten Realschulklasse aus einem Hamburger Randbezirk. Ihre Väter sind Handwerker und Arbeiter. Nur zwei von ihnen sind Beamtenkinder, ein Junge hat einen Unternehmer zum Vater.

Ein bißchen Beklemmung: Bald verlassen sie die Schule, dann beginnt nach altem Sprachgebrauch "der Ernst des Lebens". Sie besuchen heute das Berufsinformationszentrum, um sich über ihre Berufswünsche und -aussichten zu informieren. Die Berufsberaterin erklärt ihnen, Berufsberatung sei heute besonders wichtig; da die Zeiten für die jungen Leute nicht mehr so rosig seien wie etwa vor acht Jahren, als Ausbildungsplätze noch und noch vorhanden waren und vier von zehn Plätzen unbesetzt blieben.

Heute haben es Berufsberater schwer, weil Lehrstellen knapp sind. Es gibt mehr Bewerber als Ausbildungsstellen. Und es gibt auch nicht genug Berater. Über eine Million Jugendliche haben im letzten Jahr eine Berufsberatungsstelle des Arbeitsamts aufgesucht, weitere Hunderttausende haben schriftlich oder telephonisch um Auskünfte und Beratung gebeten. Doch 3000 Berufsberater sind in den Arbeitsämtern für die Ratsuchenden da. Es müßten viel mehr sein. Der Verantwortliche bei der Bundesanstalt für Arbeit in Nürnberg ist bescheiden: 450 Berater würde er gern mehr einstellen. Aber dafür fehlen die Mittel.

Statt, mehr Fachkräfte für die Beratung bereitzustellen, werden mancherorts sogar Berater zum Bearbeiten von Anträgen auf Arbeitslosengeld abkommandiert, denn auch dort sind die Kräfte knapp. Die Antragsteller haben Anspruch auf prompte Erledigung, und es werden ja immer mehr.

Im Bundesgebiet waren fast so viele Berater zweckentfremdet, wie die Stingl-Behörde gern neu einstellen würde. So kommt es, daß Jugendliche in der Regel vier Wochen auf einen Beratungstermin warten müssen. In der Hochsaison der Beratung, das sind die Monate Oktober bis Januar, ist die Wartezeit vielerorts sogar acht Wochen. Da stellt sich die Frage fast von selbst, ob die Bundesanstalt nicht vielleicht an der falschen Stelle spart.

Es gibt auch Einzelbesucher im Informationszentrum: Schüler, die ein zweites Mal oder noch öfter kommen. Manchmal sind es auch Gymnasiasten. Die kommen so gut wie nie im Klassenverband. Entgegen einer verbreiteten Meinung nehmen Gymnasiasten den Haupt- und Realschülern auch nicht die Lehrstellen weg: Nur fünf Prozent der Auszubildenden haben Abitur.