Köln: "Auf den künstlerischen Spuren Emile Gallés – Gläser und ihre Entwürfe"

Den gewundenen Pfaden Emile Gallés nachspüren – verschlungen wie der sich aus Blütenstengeln und Blattranken entrollende Namenszug des Art-Nouveau-Meisters –, heißt neue Blumen der Erkenntnis pflücken. Disteln in Sammlerhänden. Reagierte doch der internationale Kunstmarkt mit einer Baisse, als Brigitte Hesse, Leiterin des Kölner Kunstgewerbemuseums, im Vorjahr, aus Anlaß einer Stiftung, den opulenten Bildband vorlegte: "Glas vom Jugendstil bis heute – Sammlung Gertrud und Dr. Karl Funke-Kaiser." (Verlag der Buchhandlung Walther König, Köln.) Ein Thriller eigener Art, darin sich kunsthistorische Akribie mit detektivischem Spürsinn verflicht. Gälte (1846-1904) nachforschend, führte – der Zufall zu einer Glashütte in den Wäldern der Vogesen, wo ein Unbekannter exhumiert und sein Nachlaß ans Licht der Wissenschaft gefördert wurde (ein Vorgang, geeignet, um französisch-deutsche Kontroversen zu entfachen). Was war geschehen? Eine Grenzverschiebung, ein Namenswechsel. Metamorphose zweier teurer Begriffe: Emile Gallé und Nancy, Zentrum französischer Glasproduktion, soll nun heißen: Eugène Kremer und Meisenthal. Nichts weiter will die Ausstellung – und ist damit eine kleine kunsthistorische Sensation –, als Forschungsergebnisse zu illustrieren vor der Schönheit schillernder Ziergläser, Flakons, Becher, Schalen, Vasen, wie aus farbigen Metalldämpfen hervorgegangen, darin sich hauchzarte Libellen, Schmetterlinge und springende Frösche à la Hokusai verfingen. Sumpfblütenstauden, wässrig-feucht, Farne im Sonnenglast und daneben die nadeldurchlöcherten Seidenpapierpausen und Entwurfsskizzen mit Gallés lupenfeinen Bleistiftanweisungen: Goldfolienstreifen, Grisaillepatina. Keine Käfer. Akzentversetzung – ein verworrenes Geflecht von Motivationen. Geschäftssinn eines Art Directors, mit patriotischem Dekor verbrämt. Wurde doch Meisenthal, wo der junge Glaskünstler nach Weimar seine Ausbildung erfuhr, 1871 mit der Provinz Elsaß-Lothringen dem Deutschen Reich eingegliedert; der Name des 120 Kilometer entfernten Nancy hatte allemal besseren Klang, wenngleich die Manufaktur noch ohne ausreichende Leistungskapazität war. So wurde auch der Designer Eugène Kremer, den zwischen 1874 und 1896 ein Geheimvertrag an Galle band, nicht genannt, als jener auf der Pariser Weltausstellung von 1889 erste Triumphe erlebte. Ein neu entdeckter Mitarbeitername wird die Aura Emile Galtes nicht beschatten – seine Ars Fantastica steht für universelle Glaskunst. (Wallraf-Richartz-Museum bis 6. Februar 1983, Katalog 15 Mark) Ursula Voß

Stuttgart: "Vom Manierismus zum Barock"

Die Ausstellung kann gar nicht halten, was sie verspricht: "Vom Manierismus zum Barock". Die Epoche wird allein mit hauseigenen Belegstücken gefüllt. Und der Besitzstand der Stuttgarter Staatsgalerie ist kaum berühmt für besonders auffällige Schwerpunkte im 16. und 17. Jahrhundert. Die Veranstaltung ist so zunächst einmal Ausweis einer klugen Museumskonzeption, die ihr Bilderkapital immer wieder phantasievoll aktiviert – und dabei auch die verstopften Depots gründlich auslüftet. Sinnvoll ist der Überblick nämlich erst durch die Wiederbelebung von Bildern geworden, die sonst nicht gezeigt werden – weil sie das Zeiturteil gewöhnlich nicht zu den Hauptstücken abendländischer Malerei zählt. Was aber nicht heißt, daß sie als historische Dokumente nicht auch konservatorischer Pflege und des wissenschaftlichen Nahblicks bedürften. Hat sich nun die Mühe mit der zumindest nicht ganz zweifelsfreien Malerei gelohnt? Die Restauratoren haben vorbildliche Arbeit geleistet, und daß die Madonna des Alessandro Turchi in Wahrheit Giovanni Francesco Bezzi, genannt Nasadella, gemalt hat, ist neben anderen Zuschreibungskorrekturen gewiß auch ein schönes Ergebnis. Das weniger spezialisierte Auge darf sich feucht sehen an allerhand frömmelnden Szenen, an büßenden Magdalenen oder an Standbildern zu Ovids Metamorphosen. Dabei bleibt so manche aufgefrischte Kulisse ziemlich fern: Wer geht noch in die Knie vor der kalt gewordenen Verführkraft antiker Liebespaare wie Polyphem und Galatea? Wer schließlich hat noch parat, was Venus und Anchises auf dem Idagebirge miteinander hatten? Der Katalog tut da gute Dienste, wenn er auch zuweilen etwas befangen auf die Magazin-Entdeckungen reagiert: Angesichts der Parze Lachesis erzählt er, selber ergriffen, wie aus dem schönen, alten Gesicht "das Wissen um das Wesentliche menschlichen Seins" spricht. Wer sich allerdings in den porentiefen Naturalismus des Bildes versenkt, wird den Verdacht nicht los, daß er da einem ausgefuchsten Bilderzauberer begegnet, der vor allem sein. Handwerk versteht und dies zeigen möchte. Genau wie der Virtuose Annibale Carraci, der den "Leichnam Christi" in kühner Verkürzung und mit geradezu medizinisch-anatomischer Neugier malt. Eindrücklicher scheint die Ausstellung im Porträt- und Bildnisteil, wo Erwerbungen aus den letzten Jahren anschaulich machen, daß die kunsthistorische Spanne zwischen Manierismus und Barock in Italien nicht mit der Mythologica-Kollektion abgesteckt sein muß, die der Zeitgeschmack des 19. Jahrhunderts dem Museum beschert hat. (Staatsgalerie bis 13. Februar, Katalog 20 Mark) Hans-Joachim Müller

Wichtige Ausstellungen

Baden-Baden: "Alexander Rodtschenko und Warwara Stepanowa" (Staatliche Kunsthalle bis 13. 3., Katalog 32 Mark)

München: "Giorgio de Chirico" (Haus der Kunst bis 30. 1., Katalog 36 Mark)