Einer von ihnen ist ein blonder Recke mit rotem Bart. Ich würd’s ihm glauben, wenn er behauptete, er sei aus Bensersil in Ostfriesland. Aber er spricht portugiesisch – mit Pfeffer gewürzt. Der zweite hätte ein vornehmes Mailändergesicht, wenn er rasiert wäre. Der dritte muß Orpheus negro sein: Kraushaare, schwarze Haut, aufgeworfene Lippen. Aber er spielt nicht die Sambagitarre, damit die Sonne über dem Meer erwache, sondern Karten, um sich ein Glas Bier zu verdienen. Sie hocken zu dritt um einen der Sandsteintische, wie sie auf der Praça von Comprido stehen, und die drei schlagen verbissen die Karten auf den Tisch.

Über der Praça gehen die Lichter an. Der eben noch türkisfarbene Himmel wird dunkel, und die fröhlichen, bunten Häuser – manche haben einen Schuß Rokoko – weichen in den Schatten zurück. Auch die Lampen unter dem Brunnen leuchten und geben dem Wasser die Farbe von sprudelndem Gold. Das Licht scheint durch das weiße Kleid des Schokoladenmädchens, das sich Trinkwasser in einen Plastikbecher füllt. Hier schlägt niemand die Augen nieder.

Neben den Kartenspielern hat sich eine junge Frau dramatisch schluchzend vor einem Mann auf die Knie geworfen. Er, ganz brasilianischer Macho, sitzt mit ausgestreckten Beinen auf der Bank und lächelt lässig. Doch dieses Bild kann trügen. Vielleicht ist er vorhin noch von ihr. verprügelt worden. Nicht weit davon sitzt eine stolze, afrikanische Königin mit übereinandergeschlagenen Beinen vor einem französischen Künstler mit wirren Haaren, der unter ihren sich majestätisch bewegenden Lippen zusammensinkt.

Dazwischen ballspielende Kinder, zerlumpte Männer mit Krückstock, Muttis mit ihren Babys auf dem Arm, eine Sambagruppe geht vorüber, irgendwo in der Rua da Estrella soll etwas los sein, und die Mädchen und die Jungen und die jungen Frauen und die jungen Männer perlen wie Sekt in einem Glas durch das Licht der Praça. Nicht jeden Tag ist Karneval, aber jeder hat ein paar Abendstunden, an denen man unter knappem Shirt die Muskeln spielen lassen kann, ein wenig tänzeln wie Pelé, ein wenig singen wie Roberto. Und ist die Charmeuse nicht zu durchsichtig und der Ausschnitt nicht zu gewagt? Moralisch entrüstet sind die älteren Damen nicht. "Viel zu prüde, diese jungen Dinger heute", winkt Senhora Maria verächtlich ab. "Sie hätten mal sehen sollen, wie ich meine Brust gezeigt habe, als ich so jung war!"

Riskier einen Blick. Wenn die Glutaugen ihn dankbar erwidern, ist sie nicht mehr frei. Wenn dieser Hauch von Charmeuse aber den Schritt verlangsamt und die Glutaugen auf dir haften bleiben – lange genug, damit du Bescheid weißt..., daß du in Rio bist, wo es einem Mitteleuropäer leichtgemacht wird, das durch Emanzipationskämpfe angeschlagene Selbstbewußtsein wieder aufzurichten. Macho germanico! Sie sucht einen Mann zum Heiraten und würde lieber einen Einheimischen nehmen. Aber die Zeiten sind schlecht, und sie würde den Einheimischen auch nehmen, wenn er sie nicht heiraten will. Sie könnte das verstehen, dieser Ärger mit den Behörden und den Papieren. Wer hat schon Papiere? Wenn er nur etwas zum Essen verdiente. Aber Einheimische, die etwas verdienen, sind nicht leicht zu bekommen. Wer keinen Job hat, muß mit dem Revolver im Schatten der Avenida Pasteur stehen. Selbst solch einen würde sie nehmen, obwohl man bei ihm nicht regelmäßig zu essen bekommt und diese Männer, bedingt durch ihren Beruf, sehr unzuverlässig sind.

Sie heißt Ines und wohnt in den Favelas am Morro de Santos Rodrigues, nicht weit weg von der Praça von Comprido. Auf dem Stadtplan ist nur der Berg eingetragen, keine Straßen. Diese Wohnungen hier existieren amtlich nicht. Trotzdem haben sie Strom und viele auch Wasser. Es sind bereits "bessere" Elendshütten, deren Holz- und Kanisterwände durch Blumenranken verziert sind, neben denen Bananenstauden wachsen, bei denen eine Wand auch schon mal aus Ziegelsteinen sein kann. Die Leute am Morro de Santos Rodrigues betrachten sich als bürgerlich, denn vier le von ihnen haben eine Stelle als Arbeiter, bei der sie 190 Mark im Monat verdienen. Damit sind sie in die besitzende Klasse gekommen, mit einem Fernseher, einem Kühlschrank und einem Transistorradio. Aber eine kleine Wohnung mit einer richtigen Badewanne, zum Beispiel in der Rua da Estrella, können sie sich nicht leisten. Sie kostet allein fünfhundert Mark. Da müßten schon mehrere in der Familie eine feste Stelle haben, oder mehrere Familien müßten zusammenziehen. Und das wäre dann doch zu eng.

Man lebt so schon auf engem Raum am Morro de Santos Rodrigues. Junge Paare müssen auf die Praça gehen, wenn sie einen Streit alleine ausleben wollen, ohne Großvater und Großmutter, Papa und Mama, Tante und Onkel und die sechzehn Kleinen. Den Älteren ist es egal. Die keifen gerade, wie es kommt.