Nietzsche feierte ihn als "das letzte große Ereignis des französischen Geistes, der mit einem napoleonischen Tempo durch sein unentdecktes Europa marschiert ist und zuletzt sich allein fand, schauerlich allein: denn es hat zweier Geschlechter bedurft, um ihm nahezukommen"; deutschen Professoren, denen er ihn als den "tiefsten Psychologen" rühmte, mußte Nietzsche allerdings noch den Namen buchstabieren: Stendhal. Dabei hatte doch bereits Goethe bekannt, er habe Stendhals Italien-Buch "stellenweise auswendig lernen" mögen. Und Stendhals um 16 Jahre jüngerer Kollege Balzac hatte 1840 über "Die Kartause von Parma" eine solche Fülle von Superlativen ausgegossen ("es ist das vollständigste, packendste, seltsamste, wahrhafteste, am tiefsten aus der menschlichen Seele gegriffene Drama, das je erdacht wurde"), daß man eigentlich auch in Deutschland, wo Balzac bereits etwas galt, hätte, auf Stendhal neugierig werden müssen. Doch schlug hier Stendhals Stunde erst in unserem Jahrhundert, nach dem Ersten Weltkrieg, als sich Stefan Zweig, Otto Flake, Egon Fridell und vor allem Heinrich Mann für ihn begeisterten, als Rudolf Kaysers schönes Stendhal-Buch "das Leben eines Egotisten" herauskam (gerade als Fischer-Taschenbuch Nr. 5606 neu erschienen), und Stendhal gleich zwei einander an Prächtigkeit überbietende Ausgaben mit "Gesammelten Werken" zuteil wurden; die eine, von Friedrich von Oppeln-Bronikowski ediert, erschien im Propyläen-Verlag Berlin, die andere, von Franz Blei und Wilhelm Weigand besorgt, brachte Georg Müller in München heraus. Die liegt jetzt neu vor als zehnbändige Diogenes-Taschenbuchausgabe (detebe 20 966-20 976), sinnvoll ergänzt durch den hier angezeigten Band "Über Stendhal".

Nimmt man ihn als Spiegel der bisherigen Stendhal-Wirkungsgeschichte, so entdeckt man verblüfft, daß Stendhal heute, an seinem 200. Geburtstag (23. Januar), bei uns offenbar bereits wieder ein Vergessener ist, denn außer einigen Bemerkungen von Alfred Andersch (der Stendhal als Vorläufer Henry Millers sieht und damit grotesk verkennt) findet sich hier von keinem einzigen anderen zeitgenössischen deutschsprachigen Autor ein Bekenntnis zu Stendhal. Jenes von Elias Canetti, aus dessen Aufzeichnungen "Die Provinz des Menschen", hat die Herausgeberin Irene Riesen dummerweise übersehen, wie sie leider auch Robert Walser, der Stendhal schwärmerisch liebte und in seiner Bedeutung neben Cervantes und Dostojewski stellte, in ihrer Auswahl von Zeugnissen zu Stendhal vergaß. Solche Verluste werden allerdings wettgemacht durch einige Texte, die hier zum erstenmal deutsch vorliegen, etwa die Erinnerungen an Stendhal von Prosper Mérimée, Etienne-Jean Delécluze und ein Auszug aus Léon Blums Essay "Stendhal und der Beylismus" von 1914, sowie Texte, die zwar früher übersetzt, aber mangelhaft übersetzt oder kaum mehr zugänglich waren, darunter die schon erwähnte 80seitige Abhandlung Balzacs über "Die Kartause von Parma" und die drei kompletten Antwortbrief-Entwürfe Stendhals darauf. Valérys Stendhal-Notizen von 1927 und Heinrich Manns Stendhal-Essay von 1931 bilden so etwas wie das Zentrum des vorliegenden Bandes, der von Seite zu Seite mehr in den Bann eines Schriftstellers zieht, dessen hervorragendsten Eigenschaften gerade unserer Zeit und unserer Literatur gut bekämen, seien das nun seine sinnliche Spontanität, seine noble Vorurteilslosigkeit oder seine totale Illusionslosigkeit gegenüber der Sphäre der Politik, besaß er doch ein Gespür für die Macht wie vielleicht nur Napoleon selbst (dessen Offizier er ja war), ohne jedoch, wie dieser, ihr zu verfallen. Verfallen, rettungslos verfallen war er dafür zeitlebens den Frauen, genauer: der Liebe – einer Idee von Liebe, die so vollkommen war, daß sie Erfüllungen fast ausschloß, ihn aber befähigte, noch in seinem Sterbejahr 1842 den kühnsten Entwurf einer Frauenfigur in diesem an kühnen Frauen ja nicht armen 19. Jahrhundert zu schaffen, Amiele, deren Emanzipationsbesessenheit ganz folgerichtig beim Verbrechen endet.

Stendhal, der "Stil" stets mit gezierter Schönschreiberei gleichsetzte und entsprechend als Lügnerei verachtete, hielt Leichtigkeit für die höchste Stufe in der Kunst, und er, dessen erstes Buch eines über Haydn war und der Rossini für Frankreich entdeckte, gelangte in seinen Büchern zu jener scheinbar mühelosen Leichtigkeit und Klarheit, wie sie sonst nur den größten Komponisten eignet. Man hat ihn nicht zu Unrecht mit Mozart verglichen (den er noch mehr als Shakespeare vergötterte); der Mozart des "Don Giovanni" ist es, an den Stendhals feurige Energie erinnert, seine Erregbarkeit, die von allem Lebendigen entzündet werden kann und die das Erhabene nie ausschließt, das jedoch stets ganz weltlich und wach bleibt, gegründet auf die genaueste Kenntnis des menschlichen Herzens und seiner Leidenschaften. Stendhals Gestus ist, ähnlich wie jener Mozarts, der des jünglingshaft stolzen Eroberers, der jedoch "im Innersten Schauspieler ist" (Valéry) und Siege nur gespielt – eigentlich geschenkt wünscht. Léon Blum fiel bezeichnenderweise zu Stendhal das Wunderkind Mozart ein, das die jungen Erzherzoginnen, deren Gast es war, erst befragte: "Lieben Sie mich?", bevor er sich an das Cembalo setzte. Auch Stendhals Bücher scheinen unentwegt zu fragen: gefalle ich dir, lieber Leser?, und doch verführt weder Stendhals noch Mozarts Narzißmus beide je zu den kleinsten Gefälligkeiten im Sinne von Konzessionen an das Publikum; das ist eben das Wunder, daß beide noch das Widrigste und Gräßlichste spielerisch gefällig, doch ohne es im geringsten zu verharmlosen, vorzubringen wissen: höchste Künstlichkeit und höchste Natürlichkeit sind in beider Werk zur denkbar elegantesten Einheit verschmolzen – mit Canetti könnte man sprechen von einer "erfüllten Bodenlosigkeit, in der es aber immer hell ist".

Beide, Mozart wie Stendhal, bewahrten inmitten der dumpfen europäischen Restaurationsepoche einen revolutionären Elan, den man mit Heinrich Mann so definieren könnte: sie haben etwas entdeckt, "das viel später ganz andere Menschen wiederentdeckten: die Pflicht, glücklich zu sein". Sollten wir Heutigen dieser Entdeckung wirklich schon wieder verlustig gegangen sein? Hätten nicht gerade wir Stendhal, diesen unermüdlichen und grandiosen Propagandisten des Glücks, der nicht eine einzige langweilige Zeile zu schreiben vermochte, dringend nötig?

"Genug, man muß das Buch nicht allein lesen, man muß es besitzen": so endigte Goethe sein Stendhal-Lob. Das gilt noch immer.

"Über Stendhal – Essays und Zeugnisse von Prosper Mérimée bis Paul Leautaud", herausgegeben von Irene Riesen; detebe 20 976, Diogenes Verlag, Zürich, 1982; 352 S., 16,80 DM.

Peter Hamm