Mord sei bei den Balkanvölkern noch das handlichste Mittel zur persönlichen Genugtuung oder Vereinfachung politischer Schwierigkeiten schrieb ein Kenner der bulgarischen Verhältnisse 1902, fünfundzwanzig Jahre nach der Befreiung des Landes vom Türkenjoch. "Im dunkelsten Europa", so ein deutscher Offizier am bulgarischen Hofe, ging es damals drunter und drüber. Die Polizei des Landes steckte mit Verbrechern und Verschwörern unter einer Decke, und die Minister drückten beide Augen zu. Ein Attentäter, der in der Türkei den bulgarischen Gesandten ermordet hatte, durfte in Sofia frei herumlaufen. Der Ex-Ministerpräsident Stambolow wurde 1894 auf offener Straße von drei Mördern mit Dolchen und Messern niedergemetzelt.

An Wildheit und Grausamkeit standen die Bulgaren ihren Gegnern in nichts nach. Als Besatzungsmacht in Serbien holte sich Bulgarien im Ersten Weltkrieg den traurigen Ruhm, eine Mordmaschinerie erfunden zu haben, die dann im Zweiten Weltkrieg mit deutscher Gründlichkeit perfektioniert wurde. Richard von Kühlmann, Staatssekretär im Auswärtigen Amt, berichtete 1917 dem Journalisten Bernhard Guttmann von der Frankfurter Zeitung, wie die Serben "auf dem Verwaltungswege ‚erledigt‘ werden, man bringt sie der Reinigung wegen in Entlausungsanstalten und eliminiert sie durch Gas".

Was die Bulgaren 1918 wiederhergeben mußten, holte sich König Boris als Waffenbruder der Deutschen, ohne einen einzigen Schuß abzufeuern zurück: von den Jugoslawen Mazedonien, von den Rumänen die Süd-Dobrudscha, von den Griechen Thrazien. 1943 starb Boris eines plötzlichen Todes – es hieß, er sei vergiftet worden (ähnliche Gerüchte liefen um, als vor anderthalb Jahren die Tochter des bulgarischen KP-Chefs Schiwkoff einer Gehirnembolie erlag). Obwohl Verbündeter der Deutschen, hatte sich der König bis zuletzt standhaft geweigert, die Beziehungen zur Sowjetunion abzubrechen. Hitler hielt ihn für einen "schlauen Fuchs".

Im September 1944 brachte Bulgarien das Kunststück fertig, gleichzeitig mit Russen und Deutschen im Krieg zu sein. Sowjetische Armeen überrollten das Land. In keinem Ostblockland ist nach dem Sturz des alten Regimes soviel Blut geflossen wie in Bulgarien: Drei Regenten, acht Berater des Königs, 22 ehemalige Minister und 68 ehemalige Abgeordnete wurden öffentlich hingerichtet; insgesamt bis März 1945 2138 Todesurteile vollstreckt. Aber blutige rachdürstige Abrechnungen hatten dortzulande Tradition, so 1923 bei der Unterdrückung der Bauernpartei und der Kommunisten. Furore machte 1925 der kommunistische Bombenanschlag auf die Sophienkathedrale in Sofia, bei dem 200 Menschen ums Leben kamen.

In all den Jahrzehnten seit 1945 war stramme Linientreue zu Moskau das Merkzeichen der Volksrepublik Bulgarien. Sein Staatssicherheitsdienst, die "Durscnawna Sigurnost", ist eng mit dem sowjetischen Geheimdienst verflochten. Er hat jene Handlangerdienste übernommen, die bis zum Prager Frühling der tschechoslowakische Geheimdienst arbeitsteilig erfüllte.

Geblieben ist auch unter rotem Banner der Erfindungsreichtum staatlicher Killer. Bekanntestes Beispiel: der Londoner "Regenschirmmord", dem der bulgarische Dissident. Georgi Markoff zum Opfer fiel. Markoff, vor seiner Flucht in den Westen ein bekannter Schriftsteller und Freund des Parteichefs Schiwkoff, danach Mitarbeiter der BBC und von "Radio Freies Europa", wurde mehrfach angedroht, man werde ihn vergiften. Als er am 7. September 1978 auf der Westminster-Brücke auf einen Bus wartete, rempelte ihn ein Unbekannter mit einem Regenschirm an. Der Fremde murmelte eine Entschuldigung und entfernte sich mit einem Taxi. Markoff verspürte am Oberschenkel einen Schmerz wie von einem Nadelstich und entdeckte eine rote Pustel; er bekam bald heftiges Fieber und starb vier Tage später auf der Intensivstation an Herzversagen.

Bei der Autopsie wurde eine stecknadelkopfgroße Metallkugel gefunden; sie bestand zu 90 Prozent aus Platin und zu 10 Prozent aus Iridium, einer Legierung, die der Körper nicht abstößt und darum kaum zu entdecken ist. Durch vier winzige Öffnungen war ein – bis heute nicht identifiziertes – Gift in die Blutbahn gelangt. Kj.