Havemanns Leben ist total danebengegangen, weil er keine geeigneten Gespräcnspartner hat." Das sagt einer, in dessen Leben mindestens ebenso viel danebengegangen ist – gemessen an den Möglichkeiten, die ihm mehrfach offenstanden.

"Deshalb gibt der Havemann auch immer so einsame Kommuniqués heraus, die wirklich nicht so doll sind. Schon fast Bahro-ähnlich." Der Urheber dieses Zitats hat in den letzten Jahren nicht einmal einsame Kommuniqués herausgegeben, und das, was man von ihm munkeln hörte, war auch nicht "so doll": Wolfgang Neuss, Jahrgang ’25, Schauspieler und Playboy in den Fünfzigern, Kabarettist und Schreihals in den Sechzigern ("Der Mann mit der Pauke"), Aussteiger und Hasch-Eule in den Siebzigern, taucht plötzlich wieder auf und quäkt mit seiner lustig-lästigen Alarmsirenenstimme 21 neue Sprechstücke ("Leitartikelgedichte") von einer sechzigminütigen MusiCassette.

Scharfzürigig und mit schepperndem Berliner Akzert bekrittelt er: "Havemann hätte doch Brecht längst verlängern kön- – nen. Der hat ihn nur immer wieder ausgehöhlt. Im Kreis isser in Brecht rumgelaufen." Aber Wolfgang Neuss weiß auch warum: "Der Havemann hat doch Kommunikationsschwierigkeiten. Dort, in der DDR, ist niemand, der seiner Intelligenz einigermaßen Tribut zollen könnte. Vom Spiegel kommt ja immer mal einer vorbei, aber eigentlich will er ja den Augstein selber sprechen. Der Havemann müßte eigentlich schon beim Böll sitzen. Die beiden alten Männer könnten sich dann darüber unterhalten, was wir so alles versäumt haben, an ihrer Liebesgöttin Deutschland wiedergutzumachen."

Aber nicht nur über "alte Männer" weiß Wolfgang Neuss Bescheid, auch über den Berliner Innensenator Heinrich Lummer bietet er neue Erkenntnisse: "Der Lummer gehört dazu! Ein Mensch wie du und ich! Ein Liebling der Nation könnte das werden!" Denn: "Der Lummer ist ein ganz weicher Knabe. Ein liebes Wort, und er fällt dir um den Hals und sagt: Ich zieh morgen mit ein!" Ins besetzte Haus. Eine Szenerie, in der sich Wolfgang Neuss besonders gut auskennt. Franz Josef Strauß, den Erzfeind aller Hausbesetzer, sieht er dennoch scheinbar in neuem Licht: "Der Strauß ist auch ein As. Er ist ein ganz hervorragender Landwirt und fällt den Alternativen automatisch in den Schoß. Als Landwirt. Denn der Mann kann ohne Land nicht leben."

Die Cassette vermittelt den Eindruck, als hätte sich Wolfgang Neuss wieder eingependelt in seiner Welt zwischen Vergangenheitsbewältigung und Punk, zwischen Auschwitz und Kreuzberg, zwischen Tucholsky und Hausbesetzern. Und er kann seinen nie versiegenden Wortschwall wieder kanalisieren und zuspitzen.

Vom Dritten Reich erzählt Neuss: "Der Hitler in jedem von uns ist eine Tatsache. Heute zeigt sich der Faschist als Demokrat. Das habe ich früher als Kabarettist bezweifelt. Wir haben heute den Faschismus voll mit drin in den Grünen und in der AL, aber wir können ihn verarbeiten." Selbst diese Zusammenhänge schrecken ihn nicht, er fühlt sich zu Hause im Weichbild des Berliner Untergrunds. Auch den hat Wolfgang Neuss längst analysiert: "Hausbesetzung ist nicht die Folge der Apo. Nein! Apo hatte was mit Marx zu tun. Heute total veraltet. Ist heute kein Funke mehr auszuschlagen aus diesem Marx. Der Hausbesetzer kämpft für die Gemütlichkeit." Dadurch kriegt "das Wort Gemütlichkeit eine neue Bedeutung. (.. .) Die Linken werden jetzt wieder schreien: Neuss, du meinst Bequemlichkeit. Ich sage nein! Gemütlichkeit. Das kommt von Gemüt... Wir wollen der Gesellschaft heute auch mit unseren Aktionen nicht die Besinnung rauben, wir wollen sie ihr schenken! ... Bevor wir die Welt verändern, muß doch Besinnung sein!"

Richtig kraus wird’s, wenn Neuss an einer Berliner Unterart der kalifornischen Drogen-Philosophie laboriert. Für den Gewohnheitskiffer Neuss hängt alles mit Drogen zusammen: "Goebbels nahm täglich zweimal Heroin, die Ufa blühte nur durch Koks, wo der Mann von der Mutter da war. Göring? – Dezenter Opium-Raucher. Ich weiß doch genau, daß Baldur von Schirach gefixt hat!" Auch Robert Havemann ist für Wolfgang Neuss ein Haschischraucher und daher "bestimmt ein Geistesarbeiter, kein üblicher Illustrierten-Gelehrter." "Der geistige Zustand der DDR ist so bedauernswert", sagt Wolfgang Neuss, "daß ich rübergehen und Witze machen möchte." Die "geistige Wachstumslosigkeit" der DDR liegt "an ihrem Block". Denn: "Ohne Droge nichts mehr zu machen."