Von Hermann Rudolph

Wo, wenn nicht an diesem Platz, hätte diese Diskussion stattfinden sollen? Denn hier, wo sich das runde Tausend Historiker und historisch Interessierter versammelte, im Deutschen Reichstag in Berlin und dem Planquadrat um ihn herum, hat sich in der Tat der Schlußakt des deutschen Weges in die Diktatur abgespielt. Hier, zwischen Reichspräsidenten-Palais, Reichskanzleramt und dem Kaiserhof, Hitlers Berliner Residenz, wurden vor einem halben Jahrhundert die letzten Schlingen-geknüpft, in denen die Demokratie von Weimar zu Tode kam. Hier, kaum zwei Steinwürfe entfernt, dröhnte jener Fackelzug durchs Brandenburger Tor, der das Ende am Abend des 30. Januar illuminierte. Und auch die Folgen dieses Ereignisses sind nirgendwo beklemmender zu besichtigen als an dieser Stelle, an der die Mauer noch immer die Wunden am Vernarben hindert, die der Krieg geschlagen hat.

Ein Ortstermin also in bezug auf jenes Epochengeschehen, das in diesen Tagen fünfzig Jahre zurückliegt? Die Internationale Konferenz zur nationalsozialistischen Machtübernahme, die in der vergangenen Woche in Berlin stattfand, hätte gegen eine solche Etikettierung wohl nichts einzuwenden gehabt. Getragen von der Historischen Kommission zu Berlin, dem Münchener Institut für Zeitgeschichte und der Bonner Vereinigung für Parlamentsfragen, sollte sie zugleich den Auftakt abgeben für die Flut an Veranstaltungen, die in den nächsten Monaten über uns hereinbrechen wird, wenn sich nach dieser traurigen Jährung alles jährt, Woche für Woche, Monat für Monat, was die Machtergreifung nach sich zog.

Aber dieser Ort war nicht nur angemessen, weil er der Debatte einen bedeutungsschweren Resonanzboden bot. Er stellte das dreitägige Palaver der Prominenten und weniger Prominenten, ihre Behauptungen und Einwände, Erinnerungen und Analysen unter ein gewaltig-gewaltsames Vorzeichen. Denn dieser nach langem Zögern wieder hergestellte alte Reichstag hart an der Mauer, mit der großen, des neuen Reiches Herrlichkeit beschwörenden Geste seiner Fassade, mit diesem Plenarsaal von trostloser, glanzloser Funktionalitat, dem man ihm beim Wiederaufbau eingesetzt hat, mit der grau-grünen Leere, die ihn umgibt, und den Zeugnissen ruinierter Vergangenheit und neu gewachsener Normalität, die am Horizont treiben: das alles ergibt auch eine Metapher von monströser Größe. Wenn irgendwo, dann ist hier – einmal das pulsierende Zentrum der Stadt, die Mitte des Reiches, nun ein lands end von dramatischer Ausgesetztheit, ein äußerster Ausläufer ins Öde, Tote, Verbarrikadierte – etwas von der Tiefe des Falles zu spüren, der damals begann. Und nirgendwo anders drängt sich der Eindruck so auf wie Hier, er sei noch immer nicht ganz ausgestanden.

Da hatte die Wissenschaft keinen leichten Stand. In den Kulissen stand auftrittsbereit das Unbehagen an Erklärungsversuchen und Hypothesen, Beweisführungen und Begründungen. Alle diese Analysen der Schwächen der Weimarer Verfassung und ihrer Parteien, die Hinweise auf Wirtschaftslage und Erbe des Weltkrieges, die inzwischen zum Bestand der Zeitgeschichte gehören: schwebt das alles nicht eine Handbreit über der Wirklichkeit? Täuscht der Eindruck, daß allen diesen Erwägungen gerade hier ein Gran letztlicher Ratlosigkeit beigemischt zu sein schien? Schon bei der Vormittagsdiskussion des zweiten Tages seufzte der amerikanische Historiker Fritz Stern: Es sei fast nichts ausgelassen worden „außer den wirklichen Menschen, die damals gelebt haben, mit ihren ungeheuren Hoffnungen und Verzweiflungen, ihren Demütigungen und Ressentiments“.

Dabei ist die Zeit einfacher Deutungen für die Entstehung des Dritten Reiches längst vorbei. Die Historiker fahren heute ganze Motiv-, Begründungs- und Fragen-Batterien auf. Sieben Schwerpunkte, von den Wirtschaftskrisen bis zu den tändelnden Personen, listete allein der Doyen der Nationalsozialismus-Forschung, der Bonner Zeithistoriker Karl Dietrich Bracher, auf. Mit nicht weniger Erklärungssätzen suchte sein Bonner Kollege Klaus Hildebrandt allein die Bedeutung des europäischen Staatensystems für den Aufstieg des Dritten Reiches einzukreisen.

Nicht zufällig leuchtete in vielen Diskussionsbeiträgen wie eine Signallampe das Wort „Kumulation auf. Es zeigt jene Zusammenballung verschiedener Faktoren an, die die Entwicklungen und Tendenzen, die für sich allein noch zu bewältigen gewesen wären, in die Katastrophe umschlagen läßt. Eine „Problemkumulation“ diagnostizierte der Wirtschaftshistoriker Knut Borchardt bereits 1928/29, also noch vor der Weltwirtschaftskrise; hätte man die Lage damals von einem Sachverständigenrat begutachten lassen, „wäre der in Panik ausgebrochen“. Der Münchner Historiker Horst Möller sah, von Protest begleitet, in 1933 einen Kulminationspunkt der revolutionären Veränderungs-Prozesse, die mit der Revolution von 1918 begonnen haben. Und der Soziologe Karl W. Deutsch erblickte den Grund dafür, daß in den dreißiger Jahren kein europäisches Land entschlossen war, Hitler am Krieg zu hindern, in einer „Kettenreaktion kommunikativer Katastrophen“ – weder Hitler noch seine Gegner wußten wirklich, mit wem sie umgingen, worauf sie sich einließen.