Von Ulla Plog

Ich bin schließlich hier die einzige, die mit Lenin und Trotzki gesprochen hat", sagte die alte Dame zum französischen Kommunistenführer George Marchais, als er zu lange und noch dazu in ihrer Redezeit sprach, "und deswegen sage ich Ihnen jetzt mit einem Zitat von Victor Hugo: ,Scnweigen Sie, junger Mann.‘"

Natürlich hat das vielen gefallen im Sitzungssaal des Europäischen Parlamentes in Straßburg, wo sonst eher von der Lage im Nahen Osten, der Harmonisierung der Umsatzsteuer oder vom Mästen der Gänse zur Herstellung von Gänseleber die Rede ist. Die Rednerin war Louise Weiss, die Alterspräsidentin des Hauses – am 25. Januar wird sie neunzig Jahre alt.

"Mit Trotzki", sagt sie, "habe ich viel diskutiert. Lenin war schon ziemlich krank, als ich ihn traf, damals in Moskau 1921." Er schenkte der jungen Pariser Journalistin ein Plakat mit seinem Bild, und sie hängte es zwischen die Jugendstilschätze, die malende Künstlerfreunde ihr ins eigene Haus im vornehmen 16. Pariser Arrondissement gebracht hatten. Da war sie schon eine Berühmtheit.

Im Straßburger Amphitheater sitzt Louise Weiss ziemlich weit rechts, und wenn sie sich, was nur noch selten geschieht, zu einem Thema äußert, dann ist sie dort bei den französischen Gaullisten treffend plaziert. Ganz anders ist das mit der Person der Louise Weiss. In Frankreich steht sie für Mut, Unabhängigkeit und Integrität. Die Parteien nehmen sie wie selbstverständlich auf die eigene Karte, und jeder Zuordnungszwang kriegt leicht etwas Kleinliches angesichts ihres Weges. Ist sie eine moralische Institution? "Nein, aber die Leute", sagt sie, "schätzen den Mut in der Arbeit."

In Straßburg ist das ähnlich. Bei ihren wenigen großen, geschliffenen Reden zu offiziellen Anlässen, bei denen es um bewußt gelebte Historie ging, kamen die wuseligen, dauernd in anderen Räumen des Europa-Labyrinths beschäftigten Abgeordneten zur Ruhe, und das Fußvolk schaltete die Papageien an – die Verstärker, die die Reden aus dem Plenum in die Büros der Assistenten hinübertragen.

Diskussionen kriegen mit Louise Weiss schon mal eine verblüffende Dimension: "Die europäischen Institutionen" sagte sie 1979, "hab en europäische Zuckerrüben, Butter, Käse, Wein, Kälber, ja sogar Schweine zustandegebracht. Aber keine europäischen Menschen. Solche europäischen Menschen gab es im Mittelalter, in der Renaissance, im Zeitalter der Aufklärung und sogar im 19. Jahrhundert."