Herbert Wehner verläßt die Bonner Bühne

Von Günter Gaus

Herbert Wehner nicht mehr im Bundestag, vom März dieses Jahres an. Das ist, auf die bisherige Geschichte der Bundesrepublik Deutschland im ganzen gesehen, ein tieferer Einschnitt als, sagen wir, der Kanzlerwechsel von Schmidt zu Kohl. Gewiß zeichnen sich in diesem Zusammenhang einschneidende Veränderungen ab: ein Wechsel des sozialen Klimas, eine diesem sende Unfähigkeit zur politischen Toleranz, ein wiederbelebtes Interesse an der nationalen Identität der Unfähigkeit eine neue Standortbestimmung der Bundesrepublik gegenüber ihrer Vormacht im Bündnis, den Vereinigten Staaten. Aber alle diese Veränderungen sind in ihrem Grunde unabhängig vom vorigen Kanzler und dem derzeitigen. Die Umstände zwingen sie herbei. Bis zu welchen Konsequenzen sie vollzogen werden, bis wohin sie führen – das ist noch offen und dafür steht auch noch kein Name.

Herbert Wehner jedoch ist einer jener raren Politiker, die im allgemeinen Bewußtsein bestimmte politische Entwicklungen und Kategorien ganz buchstäblich verkörpern, die als Person zur Chiffre für Inhalte und Formen von Politik werden. Wieviele davon hat es nach 1945 gegeben? Ich zähle vier: Adenauer, Ulbricht, Brandt und Wehner. Kurt Schumacher wurde nicht alt genug für die bundesrepublikanische Geschichte. Ludwig Erhards Name war – mit Respekt gesagt – ein Synonym für Schlagsahne ohne Buttermarken, aber Erhard hatte nicht die Kraft zur Kontinuität jener Politik, deren Anfang er markierte: Schon bei der ersten Kartellrechtsänderung gab er seine Überzeugung preis.

Wenn Wenner sich jetzt von der Politik abwendet, dann werden einige feste Größen unserer politischen Kultur zunächst einmal namenlos. Sie werden blasser, weil sie ihre Verkörperung erst wieder finden müssen. Das bewirkt eine tiefe Zäsur. Ein wichtiges Element fehlt in dem Bemühen, eine Lage perspektivisch, nicht punktuell zu bewältigen, wenn die Chiffre Wehner nur noch als eine Frage mitwirkt: Was würde er jetzt sagen im Bundestag und beliebte Wendung Wehners – auf den Weg zu bringen helfen?

Motive seines Machtstrebens

Damit das politische Handeln eines einzelnen sich bis zur kennzeichnenden Namens-Chiffre verdichten kann, muß es in seinem Kern, hinter allen Details und auch auf Umwegen eine grundsätzliche Absicht enthalten: eine Zielvorstellung, die sich nicht in der Erfüllung der Tagesforderungen erschöpft. Adenauers Festbinden des ihm wichtigen Rheinbund-Deutschlands an den Westen; Ulbrichts konsequente Ausformung der anderen deutschen Möglichkeit nach 1945; Brandts Schlußfolgerungen aus der Einsicht, daß Westdeutschland auch östliche Nachbarn hat: Ihre Politik hat sich in Staatlichkeiten und Verträgen niedergeschlagen. Welche Absicht über den Tag hinaus verkörpert Herbert Wehner?