Von Hans-Christoph Blumenberg

Ein Denkmal soll ihm errichtet werden, in München, vor einem Kino. Man zuckt zusammen bei diesem Gedanken: nicht, weil er zu den Bescheidenen im Lande gehört hätte (kaum jemand war vom Genie des RWF überzeugter als er selber), sondern weil seinem Werk so gründlich jene Dimension des Zeitlos-Statuarischen fehlt, das Standbilder aus Bronze oder Marmor unverweigerlich auszeichnet. Mögen die Tauben auf andere Köpfe scheißen! Fassbinders Denkmal bleiben seine Filme.

Eher dubios erscheint auch die hektische Buch-Produktion, die im letzten Herbst zum Nachruhm des toten Künstlers einsetzte. Inzwischen konkurrieren mindestens sechs Fassbinder-Bücher um die Aufmerksamkeit des Lesers, dem gelegentlich weniger Informationen über die Arbeitsweise des Filmemachers RWF zuteil werden als bizarre Einblicke in sein krisenhaftes Privatleben.

Was sich immer noch zu lesen lohnt: das 63 Seiten lange Gespräch, das Wolfgang Limmer und Fritz Rumler 1980 für das „Spiegel“-Buch Nr. 8 (Wolfgang Limmer: „Rainer Werner Fassbinder – Filmemacher; Rowohlt, 18 DM, erweiterte und aktualisierte Neuausgabe 1982) führten. In keinem anderen seiner zahllosen Interviews zeigte sich Fassbinder so offen und nachdenklich. Empfehlenswert ist auch der sehr persönliche Aufsatz, den Fassbinders langjähriger Produzent und Drehbuchautor (seit der „Ehe der Maria Braun Peter Märthesheimer für das von Hans Günther Pflaum herausgegebene (und in seiner Themenmischung recht gelungene) „Jahrbuch Film 82/83“ (bei Hanser) geschrieben hat. Dieser Text – kein Nachruf, sondern die klugen Beobachtungen eines Betroffenen – heißt „Das forschende Kind“.

Brauchbar (in einer ansonsten eher schrecklichen Reihe) finde ich Bernd Eckhardts „Rainer Werner Fassbinder“ (Heyne Filmbibliothek, Nr. 55, 8,80 DM), das sich nicht nur durch seltene Photos, einen umfangreichen Dokumentations-Teil und einen niedrigen Preis auszeichnet, sondern auch durch einen soliden Text. Bei Hanser wird es demnächst eine Neuauflage des zuletzt 1979 aktualisierten Fassbinder-Bandes der „Reihe Film“ geben.

Aber was Sie schon immer über RWF wissen wollten (und nicht zu fragen wagten), geben natürlich nicht diese mehr oder weniger akademischen Anstrengungen preis, sondern die Erinnerungs-Bücher von drei Fassbinder-Vertrauten, die nach seinem Tod einem von kommerziellen Erwägungen wohl nicht gänzlich ungetrübten Schreibzwang nachgaben.

Als erster war Gerhard Zwerenz auf dem Markt, ein Spezialist für schnelle Sachen, aber auch ein Mann, der sich seit der tristen Affäre um seinen Frankfurt-Roman „Die Erde ist unbewohnbar wie der Mond“ (den Fassbinder wegen einer scheinheiligen Antisemitismus-Debatte schließlich doch nicht verfilmen konnte) der besonderen Gunst des Genies rühmen durfte. Als ständiger Gesprächspartner und gelegentlicher Kleindarsteller erlebte Zwerenz (dem sogar ein Fassbinder-Film gewidmet ist) den Meister aus der Nähe. Acht Jahre lang führte er über seine Begegnungen mit RWF Tagebuch. Für das Buch „Der langsame Tod des Rainer Werner Fassbinder“ reicherte er diese Notizen mit nicht mehr ganz frischen Zeitschriften-Arbeiten und einer zwischen die Kapitel plazierten Totenklage an: ein aus der Eile geborenes Sammelsurium, in dem ernsthaft Sätze wie „Der kalte Freund Hein blieb Sieger“ stehen.