Langläufer und Skiwanderer südlich des Mains sind entschuldigt, wenn sie Norwegen noch nicht für sich entdeckt haben. Der Weg ist weit ins Land der Endlosloipen, der blendenden Sonne, der Sahneberge, der weißen, welligen Glitzerflächen und der Schlemmerbuffets, nostalgischen Pianisten und glucksenden Hammondorgeln.

Dagegen haben es die nördlich der Mainlinie lebenden Langlauf-Anhänger leicht und bequem: Ins Reich der Schneekönigin werden sie stilvoll von einem stattlichen Prinzen oder einer jungen, schönen Prinzessin geleitet. "Kronprins Harald" und "Prinsesse Ragnhild" machen gut ihre 22 Knoten und bringen ihre fast 900 Passagiere samt den dazugehörigen Autos in 19 Stunden von Kiel nach Oslo. Auf den beiden Fährschiffen der norwegischen Jahre-Linie beginnt das Vergnügen einer Ski- mit einer kleinen Seereise.

Morgens um acht ist das Schiff in Oslo, einer Stadt, der viele Wintertouristen kaum einen Blick gönnen, weil sie möglichst schnell zu ihrem zwei bis fünf Stunden entfernten Skidomizil gelangen wollen. Zwar ist Oslo trotz klassizistischem Königsschloß und angestrahlter Festung eine etwas spröde Stadtschönheit, doch bieten seine Museen mit Wikingerschiffen und Munch-Bildern die rechte Einstimmung für Norwegen.

In Oslo muß man sich entscheiden: Norden oder Süden, das ist hier die Frage. Telemark lockt im Süden mit einer wald- und seenreichen Gebirgslandschaft –, das Hallingdal etwas mehr im Nordwesten mit seinem renommierten Wintersportplatz Geilo lockt diejenigen, die ein bißchen Abfahren mit Langlauf und Skiwandern verbinden wollen und das Scnlangestehen am Lift satt haben. Valdres nördlich davon: Da denken wir an unser komfortables Hüttenleben auf dem Synnfjell mit dem Hotel nebenan und seinem "Lunch-satt"-Buffett im stolzen Preise inbegriffen. Oder soll man strikt nach Norden fahren, wo der Schneefuchs bellt und Peer Gynt zu Hause ist, ins Gudbrandsdal? Die Richtung stimmt immer, wenn das Winterquartier möglichst 800 bis 900 Meter hoch, nämlich auf dem "Fjell" liegt. Denn auf diesen unendlich weiten, leicht gewellten, einsamen Hochflächen ist auch in der zweiten Märzhälfte die Schneequalität gesichert und der hierzulande seltene Vorzug, vom Bett auf die Loipe zu springen, selbstverständlich. Da stehen die komfortablen Hoyfjellshotels und die einfacheren, behaglichen Fjellstues mit viel Platz und viel Schnee drumherum.

Wir haben uns zum dritten Mal fürs Gudbrandsdal entschieden, nehmen die gut ausgebaute, geräumte E 6 und sind nach anderthalb Stunden in Hamar, einer modernen Stadt, in der gestählte ältere Damen auf Stehschlitten, die Straßen unsicher machen.

In einem gut sortierten Sportgeschäft ersetzen wir die im vorigen Norwegenurlaub zu Bruch gefahrenen, antiken Holzski etwas wehmütig durch schnittige aus Kunststoff, zu denen uns enttäuschenderweise der Wikinger-Händler rät. Über den langen, zugefrorenen, dick verschneiten Mjøsa-See müßte man jetzt damit flitzen, der die schöne Strecke bis Lillehammer begleitet. Kurz davor weckt ein Wegweiser nach Sjusjøen Erinnerungen. Auf jenem Seitensträßchen rutschten wir einst ziemlich unvermittelt in eine meterhohe Schneewehe am Straßenrand und lernten auf diese Weise die hilfsbereiten Nordmänner kennen. Sie eilten im Schneesturm mit Spaten herbei, uns auszugraben, doch da kam der Postbus und zog uns heraus.

Das war der Einstieg in Winterwaldmärchenwanderungen, bei denen einem der verzauberte Bärenprinz aus "Schneeweißchen und Rosenrot" hätte begegnen können. Oben auf dem Fjell zwischen windzerzausten, vereisten Krüppelkiefern treiben die Trolle ihr Unwesen, die eine ganze Woche lang den Nebelvorhang so dicht zuhalten, daß sogar die eng gesteckten Loipenstöcke kaum auszumachen sind und mir doch Zweifel am norwegischen Wetter kommen. Der einzige Mensch, der uns auf einem Lauf ins weiße Nichts begegnet, ein munterer Schwede, rät uns, trotzdem glücklich zu sein, denn die Natur sei immer schön. – Man kommt sich näher in der menschenfeindlichen Weite und Verlassenheit dieser Landschaft und versteht die norwegische Regel, sich bei jeder Tour mit Schaufel und Rucksack fürs Überleben auszurüsten.