Sein Reiterstandbild wurde vom Kapitol vertrieben, in unserer Zeit, die, sich zerstörend, gleich dann auch ihre Geschichte mitnimmt in die Auflösung. Seine Säule, ihm nach dem Tode errichtet auf der heutigen Piazza Colonna und seine Kriegszüge verherrlichend, ist nicht mehr bekrönt von seinem Bronzestandbild: der Renaissancepapst Sixtus VI. setzte an die Stelle des heidnischen Herrschers den heiligen Paulus. Zwei Jahrzehnte der Herrschaft, zwei Jahrzehnte Kämpfe an vielen Fronten gegen die den Quaderbau des römischen Weltreichs erodierenden Völker etwa der Parther im Osten, der germanischen Sweben, Markomannen, Quaden im Norden. Fortuna auch in Gestalt des Kriegsglücks war launisch, überdies dezimierten Seuchen wie die Pest das Heer und die Bevölkerung, Teuerung und Hunger machten sich breit, und Rom vibrierte unter inneren Spannungen.

Mark Aurel war der letzte in der Reihe der "fünf guten Kaiser": Nerva, Trajan, Hadrian, Antoninus Pius. Der letzte einer Epoche von kaum mehr als acht Jahrzehnten (96 p. Chr. bis 180), in der politisches Planen und Handeln, verwandtschaftliche Verflechtungen und der schicksalsmächtig würfelnde Zufall dem Volk von Rom tüchtige, menschliche und vom Glück begünstigte Herrscher schenkten. Imperatoren, die ihren Thron allesamt nicht der purpurgeborenen Abstammung, sondern dem bedacht kalkulierenden Prinzip der Adoption dankten. Die Thronanwartschaft des jungen Mannes aus vornehmster römischer Familie war schon durch den "Großvater" Hadrian klug eingeleitet und wurde mit der Adoption durch Hadrians designierten Nachfolger Antoninus Pius besiegelt. Mit Commodus jedoch, dem Sohne des Mark Anton, wird dann schließlich ein Kaisersproß Imperator. Dreizehn Jahre nach seines Vaters Tode findet man ihn, den unwürdigen und vom Volke gehaßten, im Bade ermordet. "Si felix fuisset, filium non reliquisset", sagt von Mark Aurel die – legendenträchtige – Historia Augusta: Jahrelanger Bürgerkrieg bricht aus, und von nun an wird man im Zusammenhang mit Rom nie wieder von "Größe" reden.

Mark Aurel lebte 59 Jahre, vom 26. 4. 121 p. Chr. bis zum 17. 4. 180. Er regierte ein Drittel dieser Zeit, die neunzehn Jahre von 161 bis 180. Geboren in Rom, starb er (höchstwahrscheinlich) in Wien, dem damaligen Vindobona, an der Nordfront seines von ihm verteidigten Reiches.

Was geblieben ist von einem früh begünstigten, dann auch von Mißerfolgen, Rückschlägen und bitteren Enttäuschungen bestimmten Herrscherleben, ist ein Buch. Geschrieben in der Sprache der Bildung jener Zeit, griechisch. Seine Einteilung in zwölf Kapitel und deren Reihenfolge ist so wenig gesichert wie sein Titel, doch rühren solche Einschränkungen nicht an die Authentizität des Textes. Als Ta eis heautón wurden diese Aufzeichnungen zusammengefaßt, was etwa heißt: "Das an sich selbst Gerichtete", "Das zu sich selbst Gesagte". Der geläufige Titel "Selbstbetrachtungen" gibt diesen Lebens- und Welterwägungen einen narzißhaften Klang, der ihnen nicht gebührt.

Entstanden sind die Betrachtungen in der Spätphase dieses Lebens, etwa vom Jahre 172 an. Das aber heißt, sie wurden auf Feldzügen verfaßt, in Grenzsituationen also, die es nahelegen, über das Leben nachzudenken in Form des Nachdenkens über den Tod.

"Den letzten Stoiker", so hat man Mark Aurel genannt. Das Element der Dumpfheit, wie es unserem Adjektiv "stoisch" anhaftet, ist der – etwa um 300 vor Christus zu Athen gegründeter – Philosophenschule der Stoa fremd. Ihr geht es vielmehr um jene Leichtigkeit des Daseinsgefühls, wie es sich einstellt, wenn man frei wird durch Verzicht auf Bedürfnisse und deren Befriedigung; unabhängig und dadurch den seligen Göttern ähnlich, die sich eben dadurch bestimmen, dat ihnen nichts fehlt. Solcher "passiven" Tugend gesellt sich indes die Verpflichtung zur Sublimierung des Charakters, damit der Mensch in Harmonie mit sich und andern leben kann und jene Güte tätig bewähre, die das Ergebnis wahrer Weisheit ist.

Es heißt, Mark Aurel habe oft Platons utopisches Postulat zitiert, dem gemäß die Staaten blühen, wenn Philosophen Könige sind oder die Könige Philosophen. Daß er seine Person solchem Idealbild verpflichtet fühlte, ist gewiß. Wobei man freilich unter dem "Philosophen" nicht den machtvollen Begründer eines neuen Ideensystems, nicht den bewegenden Veränderer des Denkens verstehen darf – sondern eben den Anhänger, den treuen Jünger und Freund einer philosophischen, sprich von der Stoa bestimmten Lebensform. Mark Aurel ist nicht "geistreich", seine Reflexionen blitzen nicht von aphoristischer Schärfe, noch von aufklärerischem Witz, noch von origineller Exzentrizität. Man darf seine bedächtigen, nachdenklichen und von sanfter Schwermut getragenen Tagebuchnotizen nicht vergleichen mit Epiktet oder Gracian, nicht mit Boetnius oder den französischen Moralisten, nicht mit Lichtenberg, Goethe oder Nietzsche. Eben jenem Nietzsche, der 1884 schlicht notiert: "Marc Aurels Bekenntnisse sind für mich ein komisches Buch." Was wiederum nicht mehr komisch klingt, wenn man weiß: Hier spricht einer, der alle "Moral als Verhängnis der Philosophie bisher" erklärte.