Zwölf Millionen Arbeitslose in Amerika: Noch hat der Hunger sie nicht rebellisch gemacht

Von Michael Schwelien

New York, im Januar

Es wird bestimmt food riots geben, Aufstände der Hungrigen", glaubte mein Freund Dick Days, als der erste schwere Schneesturm dieses Winters über den Nordosten der Vereinigten Staaten fegte. Dick Days ist Schwarzer, Funktionär bei der United Auto Workers Union, der Automobilarbeiter-Gewerkschaft. In den sechziger Jahren, als blutige Aufstände in den Slums ausbrachen, lebte er in Harlem, heute reist er für die Auto Workers durch die krisengeschüttelten Staaten Neu-Englands. "Die Schwarzen", sagt er, "sind längst Experten im Leiden. Aber so viele junge Weiße sind jetzt arm und ohne Hoffnung. Ein Funke genügt, dann kann es Unruhen geben, die alles übertreffen, was wir in den Sechzigern erlebten."

In einigen Städten Neu-Englands hat die Automobilarbeiter-Gewerkschaft leerstehende Läden gemietet. Arbeitslose helfen dort anderen Arbeitslosen. Jobs können sie nicht vermitteln, es gibt keine. Allein jeder dritte .Automobilarbeiter hat inzwischen seine Stelle verloren. Aber wenigstens können sie sagen, wo es zur nächsten Suppenküche geht, wie man Sozialhilfe beantragt, wer ein Anrecht auf food stamps, Lebensmittelmarken, hat. Außerdem verteilen sie Klebeband und Plastikfolie, damit die Leute ihre Wohnungen winterfest machen können.

In einem dieser Hilfszentren in Bristol, Connecticut, treffen wir auf einen Mann, dessen Haltung Dick Days düstere Prognose über die Aufstände eher zu widerlegen scheint. Es ist ein junger Weißer, um die dreißig Jahre alt, ein unqualifizierter Arbeiter, der seine Stelle als Reinigungsmann bei der modernen Kugellagerfabrik "New Departure" schon vor längerer Zeit verlor. Als er zu sprechen beginnt, kommen ihm die Tränen. "Ich möchte nicht betteln, aber wir haben seit Wochen nur noch Brot und Wasser gehabt." Er schämt sich wegen seiner Notlage so sehr, daß er seine Frau und seine beiden kleinen Kinder um die Ecke hat warten lassen. Dieser Mann würde sich wohl kaum an einem Aufstand beteiligen. Er möchte nur Lebensmittel für sich und seine Familie. Nicht einmal seinen Namen will er nennen. Er soll nicht in einer Zeitung stehen, auch nicht einer deutschen. Ein typischer Fall?

Abweisend und stumm