Wenn von Amphitheatern aus der Zeit des Römischen Reiches die Rede ist, etwa vom berühmten Kolosseum in Rom, das mit 45 000 Sitz- und 5000 Stehplätzen 50 000 Zuschauern Platz bot (in seiner letzten Form, die 80 n. Chr. fertig wurde), aber auch von Amphitheatern jener Zeit in vielen anderen Städten, Ländern beziehungsweise Provinzen, dem ältesten in Pompeji, anderen in Frankreich (Nimes), Deutschland (Trier), Nordafrika, Kleinasien und sogar in Jerusalem, wo Herodes eines hatte bauen lassen, dann werden fast immer nur entsetzliche Greuel geschildert, von grausamen Tierhetzen und von Hinrichtungen zum Tode verurteilter Verbrecher oder unschuldiger Christen durch wilde Tiere.

Nun soll dies nicht etwa bestritten werden. Wirklich fanden in den Amphitheatern Gladiatorenkämpfe gegen wilde Tiere statt, auch Verurteilungen "ad bestias", und solche nervenkitzelnden Vorführungen waren beim Publikum überaus beliebt, so wie ja noch heute die Stierkämpfe in spanischen Arenen. Ihre Beliebtheit war sogar derart groß, daß auch Angehörige der besten Gesellschaft nicht nur gerne zusahen, sondern einige sich höchst aktiv an den Kämpfen beteiligten.

Zu ihnen gehörte zum Beispiel Commodus, der Sohn des philosophischen Kaisers Marc Aurel (zu dessen großen Kummer übrigens). Commodus, der von 180 bis 192 Kaiser war, hatte den Ehrgeiz, als Roms stärkster Mann zu gelten. Er soll – aber alle Zahlen antiker Schriftsteller müssen grundsätzlich mit größter Vorsicht behandelt werden – tausendmal in der Arena gekämpft haben, davon 355mal noch während der Regierungszeit seines Vaters. Dabei ging es ihm immer auch ums Geld. Für jeden Kampf soll er sich aus der Gladiatorenkasse eine halbe Million Sesterzen anweisen lassen haben. Auf seine Siege in Tierkämpfen war Commodus besonders stolz. Der griechische Historiker Cassius Dio berichtete als Augenzeuge, daß Commodus einmal an einem Tag eigenhändig fünf Nilpferde und an anderen Tagen zwei Elefanten und mehrere Nashörner getötet habe.

Nochmals: es soll nicht etwa bezweifelt werden, daß solche Tierkämpfe stattfanden, auch Tierhetzen, bei denen alle möglichen Tiere gegeneinander gehetzt wurden, und ebensowenig sollen die Hinrichtungen "ad bestias" bestritten werden. Aber immer ist bei den Schilderungen von Tierhetzen, Tierkämpfen und Hinrichtungen durch Tiere auch Skepsis angebracht. Denn oft – vor allem bei frühchristlichen Schriftstellern – entstanden sie in der tendenziös übertreibenden Absicht, den sittlichen Verfall römischer Kultur zu zeigen.

Und um dies richtig einordnen zu können, sollte man auch um die Anfänge der Tierdarstellungen wissen, bei denen es einzig darum ging, exotische Tiere vorzuführen, die oft unter größten Schwierigkeiten gefangen und nach Rom gebracht worden waren. Zum Beispiel Krokodile, Nilpferde, Giraffen, Strauße, Löwen, Tiger, Elefanten, Rhinozerosse, seltene Affenarten, Luchse aus Gallien, Nashörner. Zum Töten waren sie viel zu wertvoll. Kaiser Augustus hatte – nach eigener Aussage – "große Freude an der Gestalt unbekannter Tiere". Und wenn auch schon zu seiner Zeit Todesurteile "ad bestias" eingeführt wurden, die allerdings den Verurteilten immer auch eine Überlebenschance ließen, so sind sie doch erst in späterer Zeit wirklich angewandt worden.

Der Schriftsteller Plutarch (50 bis 125 n. Chr.) hat die offenbar noch zu seiner Zeit sehr beliebten Tierschauen im Kolosseum beschrieben und dabei besonders auf die Klugheit und Gelehrigkeit der Tiere hingewiesen: Wilde Stiere ließen Knaben auf ihren Rücken tanzen und turnen, standen auf den Hinterfüßen, zeigten zusammen mit Pferden Kunststücke im Wasser, standen auf schnellfahrenden Zweigespannen wie Wagenlenker. Ebenso wurden Seehunde zu allen möglichen Vorführungen abgerichtet, auch Hirsche und Antilopen, Affen und Hunde; es wurden Löwen vorgeführt, die in der Arena Hasen fingen, sie aber nicht töten durften, sondern sie so sanft zwischen den Zähnen hielten, daß ihnen nichts geschah, und auf ein Zeichen ihres Dompteurs mußten die Löwen ihre Beute wieder laufen lassen. Und so wurden auch Panther, Bären, Wölfe gezähmt und vorgeführt.

Besonders beliebt scheinen Vorführungen mit Elefanten gewesen zu sein. Es wird beschrieben, wie die Tiere sich auf die Knie niederließen, wie sie Tänze aufführten, zu denen einer von ihnen eine Zymbel schlug, wie sie sich zu Tisch legten, wie sie mit dem Rüssel griechische und lateinische Schriftzeichen in den Sand der Arena zeichneten.