Von Christoph Bertram

Drei Besucher folgen einander in Bonn in diesen Tagen, die allesamt das Ziel verfolgen, Einfluß auf die Politik der Bundesre-Dem sowjetischen Außenminister ging es darum, die Bundesrepublik aus der Nato-Entscheidung über die Nachrüstung herauszudrängen. Dem französischen Staatspräsidenten Mitterrand liegt am Herzen, die Bindungen zwischen Frankreich und Westdeutschland so zu verstärken, daß ein deutsches Abdriften erschwert würde. Dem amerikanischen Vizepräsidenten Bush kömmt es darauf an, die lädierte amerikanische Glaubwürdigkeit bei der Suche nach Rüstungskontrolle mit dem Osten wiederherzustellen – und damit auch die Glaubwürdigkeit des Atlantischen Bündnisses in europäischen und vor allem deutschen Augen.

Selten sind wir Westdeutschen so umworben worden. Ein politischer Zwerg, der nach der Pfeife der anderen tanzte, ist die Bundesrepublik längst nicht mehr. Wir haben, so scheint es, internationalen Einfluß.

Nur heute ist dieser Einfluß weniger das Resultat unserer Vorausschau, unserer Berechenbarkeit und unserer Fähigkeit, die eigenen Interessen so zu formulieren, daß die Interessen der Nachbarn sich darin wiederfinden können. Das war einmal anders: in der Ära Adenauer, als sich die Bundesrepublik im Westen verankerte; zur Hoch-Zeit der Kanzlerschaft Willy Brandts, der für viele in Europa Entspannung zu einem zentralen Ziel westlicher Politik erhob, und vor allem während der Kanzlerschaft Helmut Schmidts, der den Verfall amerikanischer Führungsfähigkeit durch eine Stärkung der europäischen, vor allem der deutschfranzösischen Zusammenarbeit wenigstens zeitweise auffangen konnte.

Heute jedoch, und nicht erst nach der Bonner Wende, wird die Bundesrepublik umworben, weil Zweifel an ihrer Verläßlichkeit aufgekommen sind. Man bemüht sich um uns, von Gromyko bis Bush, aus Sorge, daß wir unsichere Kantonisten werden könnten.

Das mag zum Teil an ausländischer Überempfindlichkeit liegen, auch an modischen Zweifeln, ob eine halbe Nation, gelegen an der Schnittlinie Europas, sich überhaupt im Westen dauerhaft verankern läßt. Aber die deutsche Debatte hat das Ihrige dazu beigetragen. Die Union hat in ihren Oppositionsjahren gern mit außenpolitischen Verdächtigungen gearbeitet, um die Kompetenz der sozial-liberalen Regierung in Frage zu ziehen, und damit die Zweifel draußen oft zusätzlich genährt. Aber auch die SPD hat gehörig zur Verunsicherung beigetragen durch eine parteiinterne Diskussion, in der es nicht selten scheinen konnte, als fürchte die Partei nicht etwa den Verfall des westlichen Bündnisses, sondern nehme ihn billigend in Kauf.

All dies wird hierzulande mehr angedeutet als offen ausgesprochen. Unvereinbarkeiten wurden nicht offengelegt, sondern unvermittelt nebeneinander gesetzt, so als gäbe es den Widerspruch nicht: zwischen nationaler Wiedervereinigung und voller Eingliederung in die Institutionen des Westens, zwischen atlantischer Partnerschaft und "Sicherheitspartnerschaft" mit dem Osten, zwischen der Sehnsucht nach einem atomwaffenfreien Europa und der Unterstützung für eine westliche Allianz, die ihre Sicherheit auf atomare Abschreckung auch in Europa gründet.