Nach vierunddreißig Jahren Lagerleben sind die Palästinenser zu erschöpft, um noch verzweifelt zu sein

Von Henryk M. Broder

Sie sind genau im richtigen Augenblick gekommen, um sich über die Lage der Flüchtlinge in den Lagern zu informieren", sagt Captain Matty Kasher, "erst gestern hatten wir wieder einen Besuch. von Minister Meridor, der schon mehrmalshiergewesen war."

Captain Kasher ist der israelische Armee-Sprecher in der südlibanesischen Stadt Sidon. Er macht uns aufmerksam, daß es keine israelische Militärregierung im Südlibanon gebe, und er betont, alle Maßnahmen der Israelis seien "in enger Zusammenarbeit mit dem hiesigen libanesischen Gouverneur" getroffen worden. Der residiert im selben Gebäude, in dem die Israelis ihr Hauptquartier aufgeschlagen haben. Man hat sich das Haus einvernehmlich geteilt: der vordere Teil für die Libanesen, der hintere für die Israelis.

Minister Meridor ist Wirtschaftsminister im israelischen Kabinett und außerdem zuständig für die Koordination der Flüchtlingshilfe. Seit August vergangenen Jahres hat Minister Meridor zahlreiche Erklärungen abgegeben, spätestens bis zum Aufbruch des Winters hätten alle Obdachlosen in den Lagern wieder ein festes Dach über dem Kopf. Aber jede Versicherung des Ministers, er tue sein bestes, wurde von widrigen Umständen flankiert. Zuerst gab es nicht genug schwere Baumaschinen, um die Ruinen wegzuräumen. Dann untersagte die libanesische Regierung den Bau von festen Häusern in den Camps. Und als die UNRWA (United Nations Relief and Works Agency for Palestine Refugees in the Near East), die seit 1948 die palästinensischen Flüchtlinge betreut, ein paar Tausend Zelte bestellt und die ersten aufgebaut hatte, wurden sie von den Einwohnern der Lager verbrannt. So verging der kurze nahöstliche Herbst, und mit dem Anbruch des Winters, der entgegen europäischen Vorstellungen schon im Oktober beginnt, war das einzige, was sich bis dahin sichtbar bewegt hatte, das Karussell der Nicht-Verantwortung zwischen Israel, der UNRWA und den libanesischen Behörden.

"Wir haben hier ein großes Problem", klärt uns Captain Kasher auf, "die Flüchtlinge wollen eine dauerhafte Lösung, deswegen haben sie die UNRWA-Zelte verbrannt. Auf der anderen Seite hat die libanesische Regierung mehrmals offiziell erklärt, daß nicht alle Palästinenser, die jetzt im Libanon leben, hier werden bleiben können, höchstens 50 000. Das heißt, die libanesische Regierung will nur eine vorläufige Lösung, und deswegen will sie nicht, daß feste Häuser errichtet werden. Was sollen wir machen?"

Immerhin, eben habe der "Joint", eine amerikanisch-jüdische Wohlfahrtsorganisation, damit begonnen, kleine Kohleöfen an die Flüchtlinge zu verteilen, jede Flüchtlingsfamilie bekomme von Israel über die UNRWA 500 Kilo Zement geschenkt, um die beschädigten Häuser zu reparieren. Und schließlich würden Israel und die UNRWA allen Familien finanzielle Hilfen geben, die die sogenannten "Pre-Fabs", kleine Fertighäuser, kaufen möchten. 500 bis 1500 Dollar von der UNRWA, je nach Familiengröße, und dazu 250 Dollar von Israel, unabhängig von der Familiengröße. Vorführungsmodelle stehen direkt vor dem gemeinsamen Sitz des libanesischen Gouverneurs und der israelischen Armee, containerartige Kästen wie sie auf Baustellen als Unterkünfte verwendet werden. Die "Pre-Fabs" kosten, je nach Größe, 6000 bis 14 000 Dollar, also ein Vielfaches dessen, was UNRWA und Israel als Zuschuß zum Kauf anbieten. Noch aber ist kein einziges der angebotenen Pre-Fabs verkauft worden.