Ob atomare Abschreckung „noch“ moralisch hinnehmbar oder genauso verwerflich ist wie der Atomkrieg selber – darüber diskutierten katholische Bischöfe aus Nato-Ländern im Vatikan.

Kaum etwas drang durch die verschlossenen Türen, hinter denen sich deutsche, britische, französische und italienische Oberhirten zusammengesetzt hatten. Der geplante Friedens-Hirtenbrief des amerikanischen Episkopats beherrschte jedoch die Debatte und hatte schon vorher genug Gesprächsstoff geboten. Weil den Papst das Thema mehr denn je bewegt, wollte er das Für und Wider einmal im eigenen Hause abwägen lassen.

Die Kardinäle Casaroli und Ratzinger leiteten das Gespräch, der eine mit seinem diplomatisch politischen Sachverstand, der andere als Experte für kirchliche Sittenlehre. Beides freilich hatte bislang sogar dem Papst selbst nicht jene Widersprüche erspart, in die sich die meisten nachdenklichen Menschen verwickeln, die der atomaren Ungeheuerlichkeit nur mit Logik beizukommen versuchen.

Die nordamerikanischen Bischöfe, die auch im dritten Entwurf ihres Hirtenbriefes kaum Zugeständnisse an die Großmächte-Logik machen, wollen ihn Anfang Mai veröffentlichen, selbst wenn ihnen Präsident Reagan noch so grollt. Aber auch die Bischöfe der Bundesrepublik, die sich bislang nur betulich und allgemein äußerten, zuweilen auch zur Vereinfachung des Problems auf Nato-Bedürfnisse neigten, wollen deutlicher werden. Sie erkennen die Notwendigkeit eines neuen Hirtenwortes an, zum Beispiel auch gegen die Theorie eines „begrenzten Krieges“ (der laut Johannes Paul II. „beschönigend so von jenen genannt wird, die nicht direkt davon betroffen sind“). Nicht schlüssig ist man sich allerdings, ob dieses Wort noch vor oder erst nach der Bundestagswahl gesagt werden soll.

Solche Sorgen haben die DDR-Bischöfe nicht, die schon am 1. Januar die „innere Logik“ des Wettrüstens und des Gleichgewichts des Schreckens, nämlich „den Drang zur Überlegenheit über den möglichen Gegner“ aufdeckten. Sie gaben in Rom auch offen „die Krise“ zu, in welche die herkömmliche katholische Lehre vom „gerechten Krieg“ und damit jede Verteidigungsbereitschaft geraten sei.

Zwar ist der bundesdeutsche Episkopat weit davon entfernt, „fertige Rezepte für politische Sachentscheide aus dem Evangelium herzuleiten“. Aber sein Vorsitzender Kardinal Höffner sieht jetzt eile „legitime Spannweite“ möglicher Meinungen von Katholiken über die Friedenssicherung und warnt davor, Andersdenkende zu verketzern.

Auf dieser Basis wollte Höffner das römische Gespräch auf einen, wenn auch bescheidenen gemeinsamen Nenner mit seinen amerikanischen Amtsbrüdern hinlenken. Deren Vorsitzender, Erzbischof Roach, kam freilich gerade aus Wien, wo Kardinal König letzte Woche Vertreter aller Weltreligionen zu einer radikalen Friedensinitiative ermuntert hatte. Schon im Herbst hatte König die päpstliche Akademie der Wissenschaft in Rom gegen die Atomrüstung mobilisiert und die Friedensbewegung ermuntert, „die Politiker in Ost und West unter Druck zu setzen,“ damit Rüstungsverzichte erreicht und Feindbilder abgebaut würden. Nicht länger dürfe man das Problem den Militärstrategen der Blöcke überlassen.