Einmal im Jahr treffen sich in Thailand Einheimische, Touristen und Elefanten zum "Round up" von Surin

Von Sibylle Zehle

Um zwei Uhr morgens hält der Zug. Unheimliche Geräusche kommen aus der Nacht, Gespenster-Singsang, Hexenliedchen, Geräusche wie aus dem Traum. Ich klettere aus dem Etagenbett, gehe durch den Wagen bis zur Tür. Und da sehe ich sie: fliegende Händler, die Hände wie klagend zu den dunklen Zugfenstern erhoben, Hände mit Körben voller Orangen und Nüsse, Bananen und Saft. "Kauft! Wacht auf!" lautet vermutlich ihr immer schriller werdender Sprechgesang. Geisterhaft leuchten die langen Gewänder im Schein der kleinen Feuer, die auf dem Bahnsteig glimmen.

Jemand berührt meine Schulter. Es ist einer der schlafwagen-Wächter, die – Patronen im Gürtel, Pistole im Schaft – seit der Abfahrt in Bangkok im Zug patrouillieren. Sanft schiebt er mich zurück in den stickigen Wagen. Acht Ventilatoren rühren in der schlechten Luft. Neun Etagenbetten auf jeder Seite, dazwischen ein handtuchschmaler Gang, jedes der 36 Betten belegt – das ist viel Mensch pro Wagen.

Der Franzose sitzt immer noch mit hängenden Schultern auf dem Bett, wie erschöpft von seinem Anfall um Mitternacht: "Oh, ja grouille, ja grouille" (das krabbelt), hatte er wieder und wieder geschrien und mit weit aufgerissenen Augen die schnellen Schatten verfolgt, die über seine Bettdecke huschten. Die Wärter waren mit einer altertümlichen Insektenspritze angerückt und hatten übelriechende Wolken in die Ecken gepustet. Sie wollten sich schier ausschütten vor Lachen. Sind Kakerlaken nicht die harmlosesten Tiere der Welt?

Manch einer der Passagiere hatte sich den Sonderzug des Thailändischen Touristenbüros zum größten Elefanten-Fest des Jahres in Surin dennoch etwas friedvoller gedacht; den Bettnachbarn zur Linken sah ich Valium, die Amerikanerin zur Rechten Whisky schlucken. Nur der Schweizer gegenüber schlief von der ersten Minute an. Er war direkt aus dem jährlichen Militärmanöver nach Thailand gejettet und an Massentransporte noch gewöhnt.

Kurz vor der Ankunft im Bahnhof Surin verteilen die Helfer des Thailändischen Touristenbüros Hüte. Helle Hüte für die Frauen, mit einer rosa Plastikblüte am Rand, dunklere für die Männer, mit einem weiß-blauen Band. Da jeder der Zugreisenden mit Tasche und Kamera genug beladen ist, wird der Sonnenschutz sofort auf den Kopf gestülpt. Und so blinzeln denn über tausend euro-, päische Menschen, morgens um sechs, in dem Provinznest Surin, 420 Kilometer nordöstlich von Bangkok, in die fahle Morgensonne: alle etwas übermüdet, alle gleich behütet.