Abschied aus einem widersprüchlichen Land, in dem alles schon fertig zu sein scheint

Von Heinrich von Tiedemann

Ich habe den Norden satt!" Mit diesem Zitat aus der russischen Literatur verabschiedete sich vor geraumer Zeit ein von mir hochgeschätzter Freund und Kollege, den seine Zeitung für drei Jahre nach Skandinavien – wie er gelegentlich argwöhnte – "strafversetzt" habe. Es war nicht nur das Klima, das ihn melancholisch gemacht hatte, diese langen, dunklen Winter, diese nur spärlich und hastig aufblühenden Sommer, dieser triste Grauton des Himmels, der auf die Menschen abzufärben scheint. Im Menschengewimmel von Tokio hatte sich der in subpolare Regionen Verbannte wie ein Fisch im Wasser gefühlt; in Vietnam war er aufgelebt, wenn er den Tod im Reisfeld beschreiben konnte; in Afghanistan hatte er das Vorspiel zum sowjetischen Einmarsch genossen – im Norden Europas jedoch war er sich vorgekommen wie ein Rentner, dem die Aufsicht über einen Kinderspielplatz anvertraut worden war.

Ich habe oft an seinen Stoßseufzer denken müssen. Habe ich den Norden satt? Habe ich vor allem Schweden satt, dieses so widersprüchliche Land, das ich einmal an dieser Stelle als einen "eigenen Kontinent" bezeichnete? Stockholm ist gewiß nicht Saigon oder Kabul, nicht Paris oder Madrid; Olof Palme ist nicht Mitterrand, und König Carl XVI. Gustav braucht keinen Putsch seiner braven, vielleicht sogar sozialdemokratisch wählenden Obristen zu fürchten.

Während ich, die Möbelpacker zur Seite, meine schwedische Vergangenheit bewältige, fällt mir das erste Manuskript in die Hände, das ich für eine aktuelle Radiosendung aus der schwedischen Hauptstadt übermittelte. Ich lese: "Ein nicht identifiziertes U-Boot ist bei den schwedischen Marinemanövern zum unfreiwilligen Anschauungsobjekt für den Ernstfall geworden. Seit nahezu einer Woche kreuzt es in den Territorialgewässern und versucht, in das Übungsgebiet der Küstenverteidigung einzudringen ... Hubschrauber warfen eine Warnbombe in 500 Meter Entfernung..." Gewissenhaft, wie ich bin, habe ich auch das Datum für diesen hölzernen Text notiert. Es ist der 6. Oktober 1966. Wie alt muß man werden, wie lange in Schweden leben, um herauszufinden, daß sich alles wiederholt?

Offene Türen eingerannt

Nun werden die Kollegen in anderen Weltgegenden ähnliche Erfahrungen gesammelt haben. Regierungskrisen, Wirtschaftsflauten, gar Revolutionen – alles ist schon einmal dagewesen. Doch irgend etwas verändert sich dabei. Die Geschichte schiebt wie ein eiszeitlicher Gletscher politisches, ideologisches Geröll vor sich her, formt oder hinterläßt neue Gesellschaftsstrukturen, schafft Unvorhergesehenes. Nicht so in Schweden. Hier scheint alles schon fertig zu sein. Alle Bewegungen sind gebändigt, gezügelt von einer seltsamen kollektiven Übereinkunft. Man lebt in Frieden miteinander, respektiert sich, ist nun mehr Nachbar. Bürgerrechte haben Privilegien ersetzt, Pflichten, so absurd sie auch sein mögen, werden ohne Murren erfüllt, das soziale Gefälle ist weitgehend eingeebnet, es herrscht Ruhe und Ordnung.