München

Das Ende war gut: Am vergangenen Sonntag beschloß die bayerische SPD endgültig, über ihren Schatten zu springen und mit Peter Glotz an der Spitze in den Wahlkampf zu ziehen. Der Entschluß der weiß-blauen Sozialdemokraten, sich keinen Nobody aus den eignen Reihen zu wählen, sondern lieber gleich den Bundesgeschäftsführer als Wahllokomotive zu holen, kam einer Selbstbefreiung aus dem Getto gleich: Von jahrelangen internen Fehden ausgezehrt, von den Wählern nicht mehr ermutigt und von der überstarken CSU immer mehr zur Seite gedrängt, führte die SPD in Bayern ein Kümmerleben, das schon hart am Rande der Obskurität lag.

Seit Jochen Vogels Fortgang aus Bayern hatte sie nicht einmal mehr ein Aushängeschild, das noch Anziehungskraft versprach. Die Geschäfte des SPD-Vorsitzenden wurden von Helmut Rothemund versehen, einem wackeren Franken, dem die Mißerfolge wie Pech an der Ferse klebten. Er selber war es nun, der Peter Glotz nach Bayern verpflichtete. Bei der nächsten Parteiwahl soll er auch Rothemunds Nachfolger im Vorsitz der bayerischen SPD werden. Das Aufatmen, das durch die Partei geht, war am Wahlergebnis vom Sonntag abzulesen: 90 von 95 Landesdelegierten stimmten für den neuen Spitzenkandidaten. Soviel Einmütigkeit hat es in diesem Landesverband lange nicht mehr gegeben. Von nun an wird kein Journalist mehr aus Mitleid über die bayerische SPD schweigen: Peter Glotz, dieser eloquente, phantasievolle, einfallsreiche SPD-Kämpfer wird es schon richten.

Das Ende ist gut, aber gut ist deswegen noch nicht alles. Um die bayerische SPD-Landesliste als Nummer eins anführen zu könnet, brauchte Glotz auch einen bayerischen Wahlkreis, in dem er direkt kandidieren kann. Theoretisch hätte für ihn ein Listenplatz genügt. Früher war das der schnellste Weg, um Prominente und Fachleute ins Parlament zu schleusen, denen man nicht zumuten mochte oder nicht zutraute, daß sie im Kampf um ein Direktmandat erfolgreich wären. Doch irgendwann war die Basis der Meinung, daß es Kandidaten zweier Klassen nicht geben dürfe. Seitdem genießen in der sozialdemokratischen Partei lediglich zwei Politiker das Privileg, nur auf der Liste zu kandidieren: Willy Brandt und Adolf Schmidt, der Vorsitzende der IG Bergbau und Energie.

Im Falle von Peter Glotz führte diese selbstgewählte Grundsatztreue zu einem Konflikt, dem der Bilderbuch-Charakter schwerlich abzusprechen ist. Von der Parteispitze wurde ihm der Wahlkreis München-Nord angetragen, den Jochen Vogel freigemacht hatte. Parallel dazu – ob auch unabhängig davon, ist schwer zu sagen – forderte die Parteibasis des Wahlkreises zwei Frauen auf, für sie nach Bonn zu ziehen. Erstens, so das Argument, ist es der Münchner SPD seit 1945 noch nie gelungen, eine Frau in den Bundestag zu schicken; zweitens galten beide als qualifiziert. Ulrike Mascher, Betriebsratsvorsitzende in einer Münchner Versicherungsgesellschaft, rackert sich seit vielen Jahren für die Partei ab und hat es bis zur stellvertretenden Münchner Parteivorsitzenden gebracht. Sie gehört zum linken Flügel und spielte in den Auseinandersetzungen der Münchner SPD eine prominente Rolle.

Die andere ist Konstanze Lindner, eine Chemotechnikerin, die SPD-Ortsvorsitzende im Olympiadorf ist. Kein Mann hätte sie in ihren Vorstellungsreden am letzten Mittwoch an Konsequenz und Energie übertreffen können, auch nicht an Redegeschick und Behauptungswillen. Zu ihrer Verteidigung brachte eine Delegierte auf dem Kreisparteitag vor: "Jene, die jahrelang an der Basis gearbeitet haben, sollten auch mal einen Schritt weiterkommen." Eine andere schimpfte: "Ich habe es satt, daß die Männer denken, sie wüßten am besten, was für Frauen gut ist."

Aber das nützte alles nichts. Peter Glotz schlug sie souverän aus dem Ring: Bei der Abstimmung erhielt Ulrike Mascher 29 Stimmen, Konstanze Lindner 17 und Peter Glotz 71.