Vieles deutet darauf hin, daß die Entscheidung in der Lohnrunde ’83 diesmal in Bayern fällt

Bayerns Uhren gehen bekanntlich anders – die Tarif-Uhren machten da bisher keine Ausnahme. In diesem Jahr jedoch ticken sie zum ersten Mal wieder im Gleichklang mit denen der anderen IG Metall-Bezirke: Den sogenannten "Bayernmonat" (Tarifjargon), der besagte, daß die Verträge der Metallbranche dort einen Monat später ausliefen als im übrigen Bundesgebiet, gibt es in diesem Jahr nicht mehr.

Prompt wuchern die Spekulationen, daß der Freistaat in der Lohnrunde ’83 die Rolle des tariflichen Vorreiters übernehmen werde. Auf den bayerischen "Piloten" deuten noch ein paar weitere Indizien. Unternehmer wie Gewerkschaft scheinen sich gleichermaßen auf Eduard Schleinkofer und seine Kollegen eingeschworen zu haben.

Der Arbeitgeberverband Gesamtmetall erhofft sich, so munkelt man, in der bayerischen IG Metall einen kompromißbereiten Partner, der ihm das ohnehin schwierige Tarifgeschäft nicht zusätzlich erschwert. Hintergrund für diese These mag die Tatsache sein, daß die Bayern in die Lohnrunde ’83 mit der unbezifferten Forderung nach Ausgleich der Preissteigerungsrate gehen und nicht, wie die meisten anderen Bezirke, Lohnanhebungen von 6,5 Prozent verlangen.

In der IG Metall könnten ebenfalls einige Gründe für den Favoriten sprechen. Kein Bezirk drängt sich in diesem Jahr, die Kastanien aus dem Feuer zu holen, denn Ruhm ist mit dem Abschluß ’83 angesichts der hohen Arbeitslosenzahlen und der schlechten Konjunkturentwicklung kaum zu gewinnen. Realistisch gesehen, können die Mitglieder nicht einmal. – wie schon in den letzten beiden Jahren – auf Einkommensverbesserungen hoffen, die der prognostizierten Preissteigerungsrate entsprechen. Zudem zeigt der öffentliche Druck aus Politik, Unternehmen und Medien bei betrieblichen Funktionären schon seine Wirkung: Wer bereit ist, dem Abbau von Leistungen im eigenen Unternehmen zuzustimmen um Arbeitsplätze zu retten, wird schwerlich bereit sein, auf die Barrikaden zu gehen, wenn es um Zehntelprozente geht.

Deshalb gönnt diesmal so mancher Metall-Bezirk den Bayern die einst so begehrte Anführer-Rolle, zumal aus ihrer Ecke in den letzten Jahren mit Kritik an den in anderen Bezirken ausgehandelten Tarifergebnissen nicht gespart wurde.

Überdies: wer sonst als die Bayern sollte die erste Geige spielen? Der größte Metall-Bezirk Nordrhein-Westfalen hat seinen Spitzenmann Kurt Herb im letzten Jahr verloren. Zudem ist die wirtschaftliche Lage an Rhein und Ruhr für Tarifspiele nicht sonderlich geeignet. Und gegen Hessen – sonst häufig im Gespräch – könnte die forsche Linie der Opel-Arbeiter sprechen. Franz Steinkühler schließlich, der Stuttgarter IG Metall-Bezirksleiter, der den Part des Vorgeigens oft genug und nicht ungern übernommen hat, wird ohnehin sowohl von der IG Metall-Zentrale in Frankfurt als auch vom Arbeitgeberverband Gesamtmetall nach Möglichkeit aus dem Tarifpoker herausgehalten.