Von Hansjakob Stehle

Immer habe ich das befürchtet", flüsterte der Kardinalprimas Wyszynski auf dem Totenbett, als ihn am 13. Mai die Schreckensnachricht aus Rom erreichte. Polens Erneuerungsbewegung war vom gleichzeitigen Verlust ihrer beiden mächtigsten geistlichen Motoren und – Moderatoren bedroht. Daß der Attentäter nicht nur aus eigenem Antrieb gehandelt haben konnte, umschrieb der päpstliche "Chefdiplomat", Kardinal Casaroli, am 28. Juni 1981 mit etwas blumigen Worten: "Ein feindseliges Herz (oder waren es Herzen?) hat eine gegnerische Hand bewaffnet, um im Papst, in diesem Papst, das Herz der Kirche zu treffen, um eine Stimme zum Schweigen zu bringen, die als einzige mutig die Wahrheit, die Liebe und Gerechtigkeit predigte und den Frieden verkündete."

Dies blieb bis heute die einzige offizielle Andeutung des Vatikans über mögliche Hintergründe und Motive der Tat. Als eine amerikanische Radiostation Mitte Dezember 1982 behauptete, der Papst habe im Gespräch mit dem amerikanischen Außenminister Shultz den sowjetischen Geheimdienst für den Anschlag verantwortlich gemacht, war man im Vatikan empört und veranlaßte auf diplomatischem Wege Shultz selbst zu einem energischen Dementi. Anderseits wurde die Sowjets schon im August 1981 vom italienischen Außenministerium scharf gerügt, als ihre Botschaft in Rom einen Novosti-Artikel verbreitete, der rüstungs- und nahostpolitische Differenzen zwischen dem Papst und William Wilson (dem Vertreter Washingtons beim Vatikan) für eine amerikanisch gelenkte "neofaschistische Verschwörung" gegen den Pontifex verantwortlich machte. Daß sich die Frage "cui bono – wem nützt es?" überhaupt nicht so einfach beantworten läßt, betont auch der amerikanische Jesuit Robert Graham, ein Historiker, der seit fünfzehn Jahren in den Archiven des Vatikans arbeitet und geheimdienstlichen Aktivitäten um den Vatikan nachspürt.

Seit der Verhaftung des Bulgaren Antonow haben alle sichtbar gewordenen Spuren die vatikanische Vorsicht nur noch bekräftigt, zumal fast groteske Widersprüche im sowjetischen Verhalten, aber auch zwiespältige Erfahrungen mit Bulgarien darauf schließen lassen, daß sich im Verhältnis zur Papstkirche staatliche und ideologische Interessen, politische und polizeiliche Bedürfnisse der kommunistischen Regimes nirgendwo nahtlos decken.

Johannes Paul II., "viel konservativer als seine Vorgänger", habe die "antisozialistische Aktivität" des polnischen Klerus angestachelt, schrieb die sowjetische Zeitschrift Polititschekoje Samoobrashowanie (Politische Selbsterziehung). Ihre Polemik erhielt erst volles Gewicht, als sie am 29. Dezember 1982 von Tass übernommen wurde. Da gab es auch Sätze wie diese: "Die berüchtigte Solidarnosc, Symbol der polnischen Krise, ist nicht so sehr aus den Unruhen des Sommers 1980 entstanden, sondern aus dem Schoß der Kirche. Polen ist nicht als einziges Land Opfer der subversiven Tätigkeit des Vatikans ... seine Propagandaspezialisten werden auch in andere sozialistische Länder entsandt... und die religiöse Propaganda wird von Antikommunisten benutzt, die sich der friedlichen Koexistenz widersetzen und die Entspannung sabotieren wollen."

Kaum eine Woche später konnte der Papst zum erstenmal einen Kardinal in der Sowjetunion ernennen, den 87jährigen Bischof Vaivods von Riga. Mitte November war ihm mit dem 56jährigen Bischof Cakuls bereits ein Nachfolger zur Seite gestellt worden; es war die dritte Bischofsernennung in den baltischen Sowjetrepubliken, die vom Vatikan 1982 nach Jahren vergeblicher Bemühungen plötzlich von Moskau genehmigt worden war. Wie reimte sich all dies mit der antikatholischen Polemik?

Zum erstenmal und mit schneidender Kürze antwortete der Vatikan selbst am 30. Dezember und machte darauf aufmerksam, daß die Tass-Attacke vom 29. nicht nur den Tatsachen, sondern sogar "dem Urteil sowjetischer, auch offizieller Quellen widerspricht", die immer wieder die Friedensbemühungen des Papstes anerkannt hätten. (Viermal in sieben Monaten hat zwar die Sowjetpresse Papst und Kirche kritisiert, in vier anderen Artikeln jedoch ist der Pontifex gelobt worden.)