Triumph für Schinkel

Schon vor zwei Jahren, 1981, wurde der 100. Geburtstag des preußischen Baumeisters Friedrich Schinkel mit zwei großen Ausstellungen in Berlin (West und Ost) gefeiert. Als die Ost-Berliner Ausstellung im vergangenen November in der Hamburger Kunsthalle ankam und auch, trotz verschiedener politischer Stolpersteine, termingemäß eröffnet wurde, gab es ein großes Gedränge. Aber wer gedacht hatte, daß die Neugierde nur bis zur Ausstellungseröffnung reichte, der hatte sich geirrt. Im Laufe von zwei Monaten zogen 132 000 Menschen (in Ost-Berlin waren es in fünf Monaten 180 000 Besucher) an den Zeichnungen, Entwürfen, Skizzen, Theaterprospekten, Möbeln und Konsolen des Mannes vorbei, den man ebensogut einen Eklektiker wie ein universales Künstlergenie nennen kann. Und, obwohl mancher wohl mehr menschliche Rückenfiguren als Schinkelsche Linienführung gesehen hat, ist es offensichtlich genau das, was die von den Architekten und Designern ihrer Zeit mißhandelten Besucher hier bestaunten: die Breite der Phantasie des Künstlers, die Selbstverständlichkeit seiner humanistischen Gesinnung. Daß die DDR auch diese Veranstaltung zu dummdreister Propaganda nutzte (ein Ost-Berliner Stadtmodell zeigte natürlich nicht die Mauer, auch nicht die abgerissenen Schinkel-Bauten, dafür die strahlend spießigen Neubauten und war schlicht „Berlin“ beschriftet) fiel kaum jemandem auf.

Kroetz verläßt den VS

Ein Verband ist ein Verband. Man kann ihm beitreten, und man kann austreten. Das ist normal. Dem Verband deutscher Schriftsteller (VS) gehören bekannte Autoren ebenso an wie unbekannte, die Verfasser von Kochbüchern ebenso wie die von Gedichten und Dramen. Deshalb ist es nicht völlig egal, wer da jeweils seine Mitgliedschaft aufkündigt. Der VS ist zwar ein Verband, aber sein Ansehen lebt vom Ansehen der Literatur, und damit jener, die sie schreiben. Wenn also Reiner Kunze oder Gerhard Zwerenz, wie es vor einem halben Jahr geschehen ist, ihren Austritt erklären, dann bedeutet das was. Und wenn sich Schriftsteller wie Herbert Achternbusch oder Franz Xaver Kroetz, der jetzt den VS verlassen hat, in diesem Verband nicht mehr zu Hause fühlen, dann ist dies ein Alarmzeichen. In einem Brief an den VS schrieb Kroetz: „Der Verband hat eine politische Führung, eine Sachbuchführung. Der Verband atmet nicht mehr den Geist von Kunst.“ Wenn er dies je getan hat. Kroetz wollte über seine Einwände diskutieren. Sein Brief sollte in der VS-Zeitschrift die feder abgedruckt werden. Aber die feder ließ die Attacken gegen den bayerischen VS-Vorsitzenden einfach weg. Kroetz: „Ich find’ das unter Kollegen schlicht beschissen.“ Er verlangte Wiedergutmachung durch integralen Abdruck. Und bekam keine Antwort. So trat er aus, offensichtlich verstört über eine Tatsache, die nur noch Leute wie Kroetz verstört: Das pure Mittelmaß, eine sozialpflegerisch linke Durchschnittlichkeit beherrscht den Verband total.

Journalistenpoesie: Birne

Den einen Helmut mochte niemand – er war zwar klug, doch seine „schulmeisterliche Einrissigkeit“ ging uns und allen unseren politischen Freunden sehr auf die Nerven. Den neuen Helmut mag nun jeder, denn, so der Welt-Autor Heinz Barth in der vergangenen Woche: „Für viele unerwartet, macht der Kanzler als Bürgersmann im Ausland Figur.“ Heinz Barth, wortwörtlich: „Die spottlustige Strichzeichnung der Birne, vom Magazin der Häme ausgeheckt, um den sechsten Kanzler der Bundesrepublik Deutschland nicht durch Haß zu vernichten, sondern mit Geringschätzung in das provinzielle Nichts zurückzustoßen, ist ein Vierteljahr nach dem Bonner Regierungswechsel noch immer nicht bei den Leuten angekommen – im eigenen Land nicht und erst recht nicht im Ausland. Im Bundeskanzleramt, das ist das sich festigende Urteil der Weltmeinung, reift kein unförmiges und druckempfindliches Fallobst der deutschen Politik, wie viele zunächst fürchteten und manche noch immer hoffen. Die intellektuelle Herablassung, die an Helmut Kohl so zäh und ausdauernd klebte wie der Büroleim linker Redaktionen, trocknet allmählich aus – und das nicht nur, weil die Heißluft des Obrigkeitsdenkens die Autorität eines jeden wärmt, der in Bonn auf dem wichtigsten Sessel sitzt.“ Fazit: „Diese weiche Birne fiel nicht vom säuerlichen Apfelbaum der Häme.“

Natürlich könnte man dies kraftvolle Stück Journalistenpoesie in den Metaphern des Autors Barth verhönnen: etwa als einrissiges, heißluftgetrocknetes Fallobst in Büroleim. Billige Häme. Klüger verhielt sich da schon die neue Bundesregierung: Sie zeichnete Heinz Barth für das schönste Helmut-Kohl-Gedicht mit ihrem neugeschaffenen Lyrikpreis, der Goldenen Birne, aus. Der zweite Preis, die Silberne Birne, ging an einen gewissen Theodor Fontane. An dessen Beitrag („Da sagte von Ribbeck: Ich scheide nun ab/Legt mir eine Birne mit ins Grab.“) wurde in Unionskreisen allgemein die pessimistische Grundtendenz der Verse bemängelt.