Von Paul Noack

Wie die Jahreszeiten kommen und gehen auch die Jubiläen, die zwar stets willkommene Anlässe zum Feiern bieten, die aber auch der Gefahr unterliegen, schmuck herausgeputzte Eintagsereignisse zu sein." Dieser Satz ist zur 500-Jahrfeier der Universität Mainz geschrieben worden; er könnte aber auch als Memento für eine Zwanzigjahresfeier des deutsch-französischen Freundschaftsvertrages herhalten, die für diese Tage anzuzeigen ist. Tatsächlich dient die Publikation, der er entnommen ist

Joseph Rovan/Werner Weidenfeld (Hrsg.): "Europäische Zeitzeichen – Elemente eines deutsch-französischen Dialogs"; Europa Union Verlag, Bonn, 152 S., DM 19,80

vor allem dem Zweck, sich anläßlich der wechselhaften Geschichte einer Universität der widerspruchsvollen geschichtlichen Kontinuität der beiden Staaten zu erinnern. Ist dabei der Charakter der Schrift gleichsam gespalten – Universität Mainz hier und deutsch-französische Beziehungen dort – so gibt der Sammelband

Robert Picht (Hrsg.): "Das Bündnis im Bündnis – Deutsch-französische Beziehungen im internationalen Spannungsfeld"; Severin und Siedler, Berlin 1983, 260 S., DM 39,80

den eindeutigen Anlaß sofort kund: Er wird zum zwanzigjährigen Bestehen des deutsch-französischen Vertrages ediert. Glücklicherweise ist er dennoch nicht zu einem jener Denkmale erstarrt, die für die Erkenntnis nichts mehr abwerfen. Im Gegenteil, dieser Band – sichtlich im verdienstvollen Umkreis des Deutsch-französischen Instituts in Ludwigsburg entstanden – versammelt die deutsch-französischen Divergenzen, deren Ursache zu kennen jedem aufgetragen werden sollte, der es mit dem Verhältnis der Nachbarstaaten ernst meint. Ob es sich um den Nationenbegriff (René Rémond und Wolfgang Mommsen) oder die unterschiedlichen Prämissen in der Außen- und Sicherheitspolitik (Michel Tatu und Lothar Rühl), ob es sich um das auf verschiedenen Strukturen beruhende wirtschaftliche Konkurrenzverhältnis (Dieter Menyesch/Henrik Uterwedde), um die Stellung zur europäischen Integration (Henri Menudier) oder die traditionsbedingte Haltung zu den Staaten der Dritten Welt (Christian Uhlig) handelt; In keinem Falle wird Harmonisierung angestrebt, wo Harmonie nicht vorhanden ist.

Dieser Band ist keine Premiere. Er ist eine Fortsetzung der ebenfalls von Robert Picht herausgegebenen zwei Bände "Deutschland-Frankreich: Bausteine zum Systemvergleich" (1980) und konzentriert sich auf die Außenpolitik. Mit dieser Perspektive schafft der Band etwas, was seit langem notwendig war und angesichts der innenpolitischen Verhältnisse noch notwendiger geworden ist: Er nimmt den deutsch-französischen Beziehungen ihren Postulatscharakter (es soll, es muß...); er nimmt sie gerade deshalb so ernst, weil er das unbestreitbare Aufeinander-Angewiesensein auf Asymmetrien, Verwerfungen, unterschiedliche Ansatzpunkte, latentes Mißtrauen zurückführt. Erst damit wird die Basis für eine realitätsgerechte Beurteilung des Partners bereitet.