Die Lohnskala wird nicht angerührt"; so stand es noch Mittwoch vergangener Woche auf Spruchbändern, die Italiens Arbeiter bei dumpfem Trommelwirbel durch die Straßen trugen. Generalstreik. Acht Stunden lang lag alle Arbeit still. Ein gewohntes Bild für das Land.

Aber dennoch war etwas anders. Maskenparaden in den Streikkolonnen zeigten Karikaturen des Fiat-Präsidenten Giovanni Agnelli und des Regierungschefs Amintore Fanfani als Gegner der arbeitenden Klasse, aber als Dritter im Bunde trottete diesmal einträchtig eingehakt der Sozialistenchef Bettino Craxi mit. Völlig ungewohnt war zudem, daß am Ziel der Aufmärsche kein einziger der großen Gewerkschaftsführer auf dem Podium stand. Reden wurden nicht gehalten. Der Grund dafür: Wenige Tage vorher waren einige Gewerkschaftsbosse von der Masse mit faulen Eiern beworfen worden. Sie wollten erklären, daß Klassenkampfparolen im Jahr der Weltwirtschaftskrise 1983 nicht angebracht sind.

Die Angst der italienischen Gewerkschaftsführer vor ihrer eigenen Basis ist die Folge eines tiefgreifenden Wandlungsprozesses innerhalb der italienischen Arbeiterbewegung. Und Ergebnis dieses Wandels ist vor allem der Kontrakt, den Regierung, Arbeitgeber und Gewerkschaften am vergangenen Freitag zur Begrenzung der gesamten Lohnkosten unterzeichnet haben, dem Slogan von der sakrosankten Lohnskala zum Trotz.

Daß dieser Akt der Vernunft fällig war, wußten die Beteiligten schon seit zwei Jahren. Aber weder die Gewerkschaften noch die Linksparteien hatten gewagt, ihren Anhängern klarzumachen, daß Italien nicht mit zwanzig Prozent Inflation weitermachen kann, wenn die internationale Konkurrenz mit der Hälfte oder einem Viertel davon lebt. Der Sozialistenführer Craxi hatte zunächst seine Anhänger auch in den Gewerkschaften ganz vorsichtig weichkneten müssen. Ausgerechnet als Koalitonspartner der Christdemokraten setzten die Sozialisten jetzt ihr Konzept durch. In zehntägigen Marathonverhandlungen wurde das Netz der Kompromisse geknüpft, das Italiens Volkswirtschaft in letzter Minute vor dem Fall ins Bodenlose bewahren soll.

Zwar wird die automatische Anpassung aller Löhne an die Inflation nicht abgeschafft. Aber ihre Wirkung wird um fünfzehn Prozent gebremst. Damit verliert der Inflationsmechanismus erstmals etwas von der unerbittlichen Automatik, mittels derer sich bisher Inflation immer wieder über entsprechende Lohnsteigerungen in neue Inflation umsetzte. Die Regierung Fanfani plant für dieses Jahr einen Rückgang der Teuerungsrate von 16,3 auf 13 Prozent und will nächstes Jahr sogar bei zehn Prozent ankommen.

Freilich ließen die Gewerkschaften ihre heilige Kuh nicht umsonst schlachten. Die Arbeitgeber mußten kräftige Tariflohnsteigerungen in Kauf nehmen und dazu eine Arbeitszeitverkürzung. Der Staat verspricht, alle Tarife, von der Elektrizität über die Bahn bis zur Post, um höchstens dreizehn Prozent zu steigern. Er gewährt höhere Familienzulagen für die Beschäftigten und übernimmt Soziallasten für die Unternehmen: alles in allem Geschenke von mehr als sechs Milliarden Mark, mit denen er den sozialen Frieden erkaufen will.

Roms Arbeitsminister Vincenzo Scotti hat die Verhandlungen mit derartigem Geschick geführt, daß sich die Partner nach der Unterschrift allesamt übers Ohr gehauen fühlten. Im Regierungslager mäkelt man über die hohen zusätzlichen Aufwendungen für den Staat, Der Arbeitgeberpräsident drohte wegen der Arbeitszeitverkürzung mit Rücktritt von seinem Amt und behauptet, er habe nicht anders als unterzeichnen können, nachdem der Passus vom Arbeitsminister eingeschmuggelt worden sei und eine Ablehnung das Scheitern des