Von Marion Gräfin Dönhoff

Revolutionen entstehen nicht von ungefähr, ihre Wurzeln sind vielfältig und reichen in tiefe Schichten. Auch jene listige Kombination von Nationalismus und Sozialismus, die vor fünfzig Jahren in Deutschland die Macht ergriff, die andere aus den Händen hatten gleiten lassen, war eine echte Revolution: Man hatte das Beben und unterirdische Grollen schon lange vor dem Tag der Machtergreifung gespürt. Es genügt, heute jene Debatte nachzulesen, die am 25. Juni 1922 nach der Ermordung Walther Rathenaus im Reichstag geführt wurde, um eine Ahnung von dem tödlichen Haß zu bekommen, mit dem die Parteien einander entgegentraten, und eine Vorstellung zu gewinnen von der vergifteten Atmosphäre im Land.

Die Niederlage Deutschlands nach dem Ersten Weltkrieg, von vielen mit der Dolchstoßlegende begründet, war für die traditionellen Ehrvorstellungen der Rechten, vor allem der Offiziere, unerträglich. Militärs waren an den meisten politischen Morden jener Jahre beteiligt. Der "Schandvertrag von Versailles", dessen Ketten es zu sprengen gelte, hatte die entsprechenden nationalen Ressentiments hervorgerufen, und er hatte die deutsche Industrie bis nahe an den totalen Zusammenbruch belastet. Der Mittelstand, im Zuge der Inflation fast vollständig verarmt und durch die weltweite Wirtschaftskrise um jegliche Hoffnung auf Wiederaufstieg gebracht, empfand diese Republik als ein Gefängnis, aus dem nur der Ausbruch zu neuen Ufern führen könnte.

Doch auch nachdenkliche jüngere Menschen, denen es um wirkliche Erneuerung ging und die sich im Gegensatz zu überkommenen Traditionen und alten Zöpfen auf der Suche nach neuen, "alternativen" Lebensformen befanden, glaubten Ansätze dazu in den revolutionären Ideen der nationalsozialistischen Bewegung finden zu können. Viele von ihnen wurden später zu engagierten Widerstandskämpfern.

Die Arbeiter – sechs Millionen ohne Arbeit – repräsentierten, rechnet man ihre Familien hinzu, fast ein Drittel der gesamten Bevölkerung. Zornig und resigniert vegetierten sie in totaler Verelendung dahin: neun Reichsmark pro Woche Sozialunterstützung für den Alleinstehenden, etwa der doppelte Betrag für eine Familie. Armut und wachsende Verzweiflung schufen eine Art Bürgerkriegsatmosphäre. Jeder haßte jeden: die vielen Armen die wenigen Reichen, die Kommunisten die Nazis und umgekehrt, die Nationalen die linken Intellektuellen, die Bürger die jeweilige Regierung, die zwischen 1918 und 1933 im Durchschnitt nie länger als sieben bis acht Monate am Ruder war. Tagtäglich floß Blut, gab es Schießereien in den Straßen.

Keine der bürgerlichen Parteien wußte Rat, vermochte Visionen zu wecken, Hoffnungen zu verheißen – Adolf Hitler dagegen versprach Arbeit, Brot und die Erfüllung nationaler Wünsche. Dies war die Situation am Vorabend des 30. Januar 1933,

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