Trotz wachsender Kritik an seiner Wirtschaftspolitik rechnet Reagan mit einem nahen Aufschwung

Von Jes Rau Etwa eineinhalb Jahre nach jeder Präsidentenwahl pflegt die öffentliche Meinung der USA zu der Erkenntnis zu kommen, daß der jeweils Erwählte doch nicht auf Wasser wandeln kann. Der die Grenze des Peinlichen vielfach überschreitende Personenkult macht dann Analysen Platz, die auf der ernüchternden Erkenntnis basieren, daß die Welt ein unvollkommener Ort geblieben ist, aller Gesetzesinitiativen und Reformprogramme des Präsidenten zum Trotz.

Einer indes hätte das Zeug gehabt, diese seit Kriegsende geltende Gesetzmäßigkeit aufzuheben: Ronald Reagan. Die meisten Amerikaner finden den jetzigen Bewohner des Weißen Hauses immer noch außerordentlich sympatisch. Sie mögen seinen Optimismus, seine pathetischen Sprüche über the greatest nation on earth, und sie würden sich am liebsten einwickeln lassen von seiner liebenswerten Beredtsamkeit.

Was da freilich etwas stört, ist, daß sich die Wirtschaftspolitik dieses Charmeurs als totales Fiasko erwiesen hat. So jedenfalls urteilt mittlerweile die große Mehrheit der amerikanischen Bevölkerung: angesichts einer auf 10,8 Prozent gestiegenen Arbeitslosigkeit eine nur zu verständliche Reaktion. Meinungsumfragen zeigen, daß selbst der unglückselige Jimmy Carter bei seiner Regierungshalbzeit mehr Zustimmung zu seiner Politik gefunden hatte als Ronald Reagan.

Viele Pressekommentare, in denen die Bilanz der zurückliegenden zwei Jahre gezogen wird, hören sich deshalb fast so an wie Notrufe auf einen politischen Leichnam. Verunsichert scheinen auch viele Mitglieder der Regierung selbst zu sein. Was durch undichte Stellen des Regierungsapparates an Informationen über die programmatische und taktische Diskussion an die Öffentlichkeit gelangte, erweckt den Eindruck einer profunden Konfusion. In dieser Stimmung blühen die Spekulationen über einen möglichen Nachfolger, und im Lager der Demokraten bekommt man schon wieder Oberwasser.

Die Ironie will es, daß die Regierung zu einem Zeitpunkt ins Schleudern kommt, an dem sich die Zeichen dafür mehren, daß die lange, lange Rezession, die so viele Amerikaner den Arbeitsplatz gekostet hat, endlich zu Ende gegangen ist. Die US-Wirtschaft scheint sich in jener Grauzone zu befinden, in der unmerklich die Erholung einsetzt.

Erfahrungen aus früheren Konjunkturzyklen zeigen, daß die Arbeitslosigkeit in der Anfangsphase der Erholung noch ansteigt. Und in dieser Phase wird die Regierung typischerweise von allen Seiten gedrängt, dem Aufschwung mit Hilfe stimulativer Maßnahmen gefälligst Beine zu machen. Das führt dann leicht zu einer sprunghaft ansteigenden Nachfrage, auf die die Unternehmer mit Preiserhöhungen reagieren, da sie nicht genügend Zeit hatten, ihre Produktionskapazitäten zu erweitern.