Friedrichsruh/Sachsenwald

Der 18. Januar 1982. Zum einhundertzwölften Mal jährt sich der Tag der deutschen Reichsgründung. Rot glünt der Himmel über dem dunklen Sachsenwald, bengalisches Feuer und unzählige Fackeln leuchten, zu Ehren des alten Bismarck. Drinnen in seinem Mausoleum rufen die Ordner "Treppe frei, der Fürst kommt!" Das ist leicht gesagt, Hunderte drängen sich in der Gruft, eine Berliner Jugendgruppe findet gerade noch Platz, die Busladung aus Hannover muß schon draußen bleiben. Augenblicklich kehrt Andacht ein in die Menge, als das Streichquartett die deutsche Nationalhymne intoniert – Mütze vom Kopf, Hände vor dem Bauch gefaltet.

So still und fein bleibt es nicht, als Ludek Pachman losdonnert. Der tschechische Emigrant und einst weltberühmte Schachspieler hat in den Sachsenwald eingeladen. Er ist Vorsitzender einer, wie er sagt, ständig wachsenden Organisation ("die Zahl der jungen Mitglieder steigt beinahe täglich"), die sich "Konservative Aktion" nennt. Ein Etikettenschwindel. Pachman, gerngesehener Gastschreiber in der Springer-Presse, ist schlicht ein rechtsradikaler Eiferer gröbsten Zuschnitts.

An diesem Abend beschwört er das Deutsche Reich in den Grenzen von 1937, geißelt die "feigen, opportunistischen Politiker, eingeschüchterte Krämer, die Schutzgebühren an Mafia-Bosse zahlen", erregt sich über die Prominenz des 30. Januar: "einseitige Vergangenheitsbewältigung, um die Nation zu demütigen. Drüben sitzen die Statthalter Hitlers!" Und so weiter, und so weiter.

Ein smarter 18jähriger, seines Zeichens Bundesvorstandsmitglied der Konservativen Aktion und begabter Redner, schlägt in die gleich Kerbe. Das 1000jährige Reich werde sich noch bewahrheiten, "12 Jahre Hitler und 988 Jahre einseitige, unaufhörliche Vergangenheitsbewältigung!" Doch in sanftem Ton rührt er auch an Gefühle, an offenbar vorhandene Sehnsüchte: "Deutschland hat Vorrang in meinem Herzen. Wie um meine Familie, so sorge ich mich zuerst um meine Heimat, mein Volk, mein Vaterland." Herzlicher und langanhaltener Applaus. Schließlich gemeinsames Singen der Hymne: "... von der Maas bis an die Memel... Deutsche Frauen, deutsche Treue... Einigkeit und Recht und Freiheit..." In dieser Reihenfolge. 100 000 Schallplatten mit vollständigem Text wird die Konservative Aktion an Hamburger Schulen verschenken. Arm ist sie nicht.

Wohl kann dem Urenkel Bismarcks, einem konservativen Ehrenmann, der in seiner Rede den 20. Juli 1944 als den "vielleicht wichtigsten Tag in der deutschen Geschichte" apostrophiert, an diesem Abend nicht sein. Doch wer will, ist noch sein Gast zur Erbsensuppe im Bismarckschen "Fischerhaus". Zwei 16jährige Schüler, Mitglieder der Jungen Union, aber fanden es "sehr gut"; ebenso wie die Gruppe Berliner Schüler-Union, die jetzt ihre schwarz-rot-goldenen Fahnen zusammengerollt hat; der Pfarrer, vor vier Jahren aus der DDR gekommen, bereut seine Reise von Hessen nach Friedrichsruh nicht; der alte Landsmann aus Westpreußen freut sich über die Anwesenheit der Jugend; und auch der pensionierte Postbeamte – "ich bin ein großer Verehrer von Bismarck" – fährt zufrieden in einem der vielen von der Konservativen Aktion gecharterten Busse wieder nach Hause: "Ein feierlicher Abend."

Da ist der Alte in seiner Gruft ganz machtlos.

mg