Von Isolde von Mersi

Die Temperaturen waren geradezu unanständig frühlingshaft. Überall in den Alpen goß der Regen die sorgfältig präparierten Pisten kahl. Mitte Dezember machte er eine Verschnaufpause. Diese kurze Trockenperiode reichte aus, um ein wintersportliches Ereignis über die Bühne zu bringen, das in dieser fatalen Saison der abgeblasenen Skiwettkämpfe beinah schon Seltenheitswert besitzt: einen Weltcup-Slalom der Damen.

Piancavallo, der jüngste Wintersportort Italiens, machte – mit ein bißchen Glück und viel Kunstschnee – das Rennen. Ausgerechnet Piancavallo, ein Ort, den alle Kartographen hartnäckig ignorieren. Eine Retortensiedlung mit nur fünfzehnjähriger Tradition. Eine Ex-Alm auf der abgelegenen Hochfläche eines absonderlichen Kalksteinbrockens namens Monte Cavallo, der als der südlichste Ausläufer der Karnischen Voralpen steil in die friulanische Ebene abfällt. Und ausgerechnet diesem unscheinbaren Nest waren zwei kostbare Eurovisionsstunden im Fernsehen beschieden? Die noblen Ski-Arenen vernahmen’s voll Neid.

17. Dezember 1982: Auf dem "Stadio dello Slalom" am Monte Saue schnappt Erika Hess ihrer Rivalin Perrine Pelen mit vier Hundertstelsekunden Vorsprung den Sieg vor der Nase weg, schafft Christin Cooper trotz Bestzeit im zweiten Lauf nur mehr Platz drei.

"Bei uns gewinnen nur die Besten!" versichert stolz Giancarlo Predieri, Rennchef und Präsident des Fremdenverkehrsamtes von Piancavallo. Die Rennstrecken – der 650 Meter lange Slalomsteilhang Saue und die 2,8 Kilometer lange "Pista Nazionale", die Abfahrt vom Monte Tremol – verlangen den Ski-Damen einiges ab. Im "Albo d’oro", dem goldenen Buch der Lokal-Rekorde, sind die Namen der früheren Siegerinnen nachzulesen: Annemarie Moser-Pröll, Marie-Therese Nadig, Hanni Wenzel, Erika Hess – das sind in der Tat Gold-Mädchen, Weltcup-Gewinnerinnen allesamt;

Seit 1978 macht die weibliche Ski-Elite alljährlich Mitte Dezember in Piancavallo Station. Ein kleines Dorf – zum "harten Kern" der ganzjährig ansässigen Bewohner zählen nur hundert Leute – muß sich schon einigermaßen abrackern, um ein Spektakel zu organisieren, bei dem etwa 150 Sportlerinnen, mindestens ebenso viele Trainer, Betreuer und Serviceleute sowie fast dreihundert Journalisten aufmarschieren. Die ersten Vorbereitungen beginnen schon ein halbes Jahr vor dem magischen Termin. Der bringt – je näher er rückt – immer mehr Leute auf Trab: An den Renntagen und knapp vorher kümmern sich in Piancavallo rund 50 Helfer um Pistenpräparierung, Zeitnehmung, Sicherheit und technische Einrichtungen. 50 weitere sind für alles Organisatorische verantwortlich, beispielsweise für Werbung, Finanzen und Verpflegung. Zu dieser Hundertschaft gesellen sich zwanzig Torrichter, 12 Rettungsleute, der Hubschrauberdienst des italienischen Heeres und die komplette Skilehrer-Riege des Ortes. Auf "mittleren bis unteren Durchschnitt" schätzt Helmuth Schmalzl, der Sport-Direktor von Piancavallo, solchen Personalaufwand. In Kitzbühel, erzählt er, sei eine Schar von 500 Helfern keine Seltenheit. Der Helmuth muß es wissen: Bis vor acht Jahren ist er selber Weltcup-Rennen gefahren.

Das leidigste Problem für die Organisatoren sind aber weder die Mitarbeiter noch die 120 bis 150 Millionen Lire (210 000 bis 260 000 Mark), die der Wettkampf kostet, sondern – es ist kaum zu glauben – die Quartiere für den 600-Personen-Troß. "Alle wollen ins Park Hotel", stöhnt Schmalzl, "dabei bringen wir dort höchstens 150 Leute unter." Die anderen wohnen in recht komfortablen Appartements.