Herr Posener, der Architekt, mußte erst seine drei Leguane füttern, die unterschiedliche Charaktere besitzen. „Schöne Mädchenknie haben diese Tiere“, sagte er und stopfte ihnen Salat in den Mund, den sie nur zögernd nahmen. Da ich Geruch aushalten kann, war meine Aufmerksamkeit hinsichtlich dessen, was Posener zu erzählen wußte, nicht geteilt:

Unser Nachbar war Oberstleutnant, wir standen ihm äußerst nah, und 1933, da traf meine Mutter die Frau Oberstleutnant auf der Straße und ging auf sie zu, aber die guckte weg! Guckte in den Garten – und das hat meine Mutter allerdings erschüttert, alte Freunde! Das war ziemlich schrecklich.

Ich ging in Zehlendorf zur Schule, da hatten wir einen jungen Lehrer, der war genial, SPD-Mann, weswegen er uns dann auch weggenommen wurde. Aber 1929 sprach er schon sehr komisch, über die Theorien von den spitzen Türmen sprach er, spitze Türme sind deutsch, weil sie zum Himmel streben, stumpfe sind französisch – solchen Quatsch redete man damals. Und so gegen ’33 merkte ich, daß er ziemlich hundert Prozent Nazi wurde, was mich sehr erschüttert hat, denn er war ja ein großartiger Mann. Nach unserem letzten Zusammentreffen schrieb ich ihm einen Brief und zitierte Jünger: ‚Das ist der Rhythmus deutscher Politik, sie bedarf des Führers.‘ Und dann malte ich an den Rand eine kleine Hitler-Karikatur und schrieb darunter: ‚Und sie nimmt ihn ohne Ansehen der Person.‘ Das hat ihn sehr gekränkt.

Vom 30. Januar war ich enttäuscht. Ich sagte damals zu dem Lehrer: ‚Das ist doch furchtbar, man hat also die armen Nazis reingelegt.‘ Ich hat-, te die Idee, daß die Deutschnationalen gewiefte Politiker sind, die genau wissen, wohin sie wollen. Die Nazis hielt ich doch irgendwie für Träumer. Und da sagte der Lehrer, mit dem ich damals noch ganz gut stand: ‚Sie haben ganz recht, das ist nicht fair.‘“

Alfred Schulze-Kossens

Bei Schulze-Kossens in Düsseldorf, dem persönlichen Adjutanten Hitlers, gab es Apfelstrudel mit Schlagsahne. Draußen auf dem Balkon ein Holzmännchen, das seine Arme mittels Vogelfedern im Winde kreisen ließ. Der braungebrannte sportliche Mann – ein Mann, von dem ich mich auch gern beschützen ließe – kam ziemlich sofort aufs Thema, und während er sprach, durfte ich im Schein von traulicher Beleuchtung erstaunliche Photoalben durchblättern, die noch nie gesehene Hitleraufnahmen enthielten, stets mit einem schlanken, gutaussehenden SS-Offizier im Hintergrund:

Ich war damals Unterprimaner in Spandau, wir waren beim Schlittschuhlaufen – das habe ich noch vor Augen – und dann kam die Meldung: Hitler Reichskanzler, und da haben wir gesagt, Mensch, prima, jetzt ist endlich mal Schluß. – Wir wohnten damals in Berlin-Spandau, und uns gegenüber lag eine Kaserne, die zum Arbeitsamt umfunktioniert worden war, und wir haben jeden Tag diese Riesenschlangen von Arbeitslosen gesehen, die sich da ansammelten.