Ferdinand Kramer, Architekt und Designer – Sein Prinzip heißt: Einfachheit

Von Manfred Sack

Keine falsche Pracht bitte, und keine platte Repräsentation! Es soll praktisch sein und handlich, so billig wie möglich und immer seinen Preis wert. Es muß gut funktionieren, also intelligent konstruiert sein, und selbstverständlich dem Gemüt einen Gefallen tun mit einer unsentimentalen, mit dem Verstand geschaffenen, einer einfachen und lichten Schönheit, die "sich niemals der Zwecke schämt und so tut, als hätte sie nichts mit ihnen zu schaffen" (es könnte auch sein, daß viel Aufputz dem Gebrauch hinderlich wäre). Das setzt einen erfinderischen, aber einen sensiblen, kurzum einen künstlerischen Geist voraus. Wenn man nun noch ökonomische Moral hinzudenkt und eine erzieherische Menschenfreundlichkeit – dann hat man ungefähr beisammen, was den Architekten und Designer Ferdinand Kramer auszeichnet. Verglichen mit den andern, meist schon ins Elysium der Geschichtsbücher entrückten Helden der Neuen Sachlichkeit, mit denen er Umgang hatte, ist er unter den bewunderten und beschimpften Funktionalisten der unbekannte Große - auch wenn seine Vater- und Arbeitsstadt Frank- furt am Main ihn mit Ehrenbrief und dergleichen

Plaketten versehen, zwei Universitäten ihm 1981, spät, beschämend spät zum Ehrendoktor gemacht haben. Er, der zeitlebens ein Bekenner war, aber niemals zum Professor ernannt wurde, hat diese Auszeichnungen, ganz besonders die letzten beiden, wohl mit Stolz genossen. Reine Freude hingegen machte ihm die bisher ausführlichste Ausstellung, die das Bauhaus-Archiv in Berlin ihm mit viel Geschmack und Sympathie eingerichtet hat und die sein wesentliches Werk zeigt, in Gegenständen und in Dokumenten, Bildern, Zeichnungen: eine Art von Geburtstagsgeschenk. Denn einen Tag, bevor diese kleine feine Schau am 22. Januar zu Ende ging, wurde Ferdinand Kramer 85 Jahre alt. Vom 4. Februar bis 2. März wird die Ausstellung im Frankfurter Amerikahaus gezeigt, ehe sie, vermutlich, in Amsterdam und Hamburg zu sehen sein wird.(Ausstellungskatalog 20 Mark)

Ein jung erhaltender Beruf, wie er es nun aufs neue beweist. Der große, immer noch stattlich wirkende Herr, in jüngeren Jahren als der "schöne Ferdy" bekannt und von einem offenbar wirbelnden, politisch enthusiasmierten Tatendurst, gehört in die kleine Klasse omnipotenter Architekten. Er zählt zu den Leuten, denen nicht nur daran gelegen ist, exquisite Häuser zu entwerfen, sondern die, von den gesellschaftlichen Umständen angeregt oder genötigt, nichts weniger vorhatten, als die (Alltags-)Welt zu gestalten, also zu verbessern.

Ferdinand Kramers Zeiten waren immer schlechte Zeiten: nach dem Ersten und nach dem Zweiten Weltkrieg, in Jahren "größter Not – ohne Nostalgie", natürlich, "aber voller Hoffnung auf die Zukunft", und in dem guten Dutzend Jahren dazwischen, die ihm Erniedrigung und Bedrückung brachten und ihn dann, wie anders, zu äußerster Kreativität herausforderten. "Was dieser Tag heute für mich bedeutet", sagte er an dem Tage, an dem seine Ausstellung eröffnet wurde, "werden Sie sich wahrscheinlich vorstellen können, wenn Sie sich vergegenwärtigen, daß meine erste Einzelausstellung 1937, in meiner Vaterstadt Frankfurt am Main, ... eine Diffamierung meiner Arbeiten als ‚entartete Architektur‘ war."

Der Pionier war damals zum Verräter erklärt worden. Die Reichskammer der bildenden Künste in Berlin hatte ihm am 6. September 1937 mitgeteilt, daß er "die für die Ausübung des Berufs als Architekt erforderliche Zuverlässigkeit" nicht besitze: Berufsverbot. Ferdinand Kramer emigrierte im Jahr darauf; seine Rücklagen hatte er, um sie in die Vereinigten Staaten von Amerika ausführen zu können, in eine kostbare Krokodil-Reisetasche und ein viersitziges, rotgepolstertes Mercedes-Cabriolet ("so eins, wie’s der Hitler fuhr") verwandelt: Kapital für einen schrecklich schweren Anfang in einer fremden Umgebung.