Von Helmut Schödel

Ziel meiner Reise sollte Dachau sein. Über Dachau, eine Kleinstadt in Oberbayern, am Rande des Dachauer Moos, an der Amper gelegen, 34 000 Einwohner, steht im "Brockhaus": "Bei D. lag 1933 bis 45 ein nat.soz. Konzentrationslager." Im Taxi vom Bahnhof zum Lager schrie der Fahrer vierzig Jahre danach noch immer gegen die Wahrheit an: "Dachau", erklärte er fast brüllend, sei bis ins Detail eine monströse Erfindung der Alliierten. Eine gespenstische Fahrt in die finstersten Abgründe der alten politischen Mythen hatte begonnen. Dabei gab es längst neue. Die sogenannte Bewältigung der Vergangenheit hatte aus den Nazis lauter Dämonen und Monster gemacht. Das Monster, das jetzt zum Beispiel Taxi fuhr, hatte sich die alten Lügengeschichten wie einen Gegenmythos bewahrt. Als ich mitten auf der Strecke aussteigen wollte, gab der Mann am Steuer Gas. Er wünschte, uns alle ins Lager zu bringen.

Ein Tonbandprotokoll dieser Fahrt nach Dachau hätte eine Szene in Heinar Kipphardts letztem Stück werden können. Denn "Bruder Eichmann" (Theaterrechte bei "Ute Nyssen und J. Bansemer", Buchausgabe im Rowohlt Verlag) erzählt auf 160 Seiten nicht nur Aufstieg und Fall Adolf Eichmanns vom Handelsvertreter zum Organisator der Judendeportationen und schließlich zum Häftling in Israel (am 31. Mai 1962 wurde Eichmann gehenkt). Kipphardt hat die Fahndung nach ihm fortgesetzt. Sein Stück erklärt: erfolgreich.

Kipphardt zeigt die italienische Journalistin Oriana Fallaci im Gespräch mit General Sharon. Sie fragt den General nach den Palästinensern: "Sagen Sie mir, General Sharon, was Sie mit diesen neuen Juden des Planeten machen wollen?" Und sie antwortet ihm: "Ihr seid nicht mehr das Land, für das wir geweint haben." Im Bayerischen Staatsschauspiel, wo "Bruder Eichmann" in Dieter Giesings Regie uraufgeführt wurde, tritt Oriana Fallaci nicht auf.

Kipphardt läßt Irmgard Möller vor einem baden-württembergischen Untersuchungsausschuß über eine Nacht in Stammheim erzählen. In dieser Nacht stieß ein stumpfes Messer viermal in ihre Brust. Sie sagt: "Nach dieser Nacht, ich glaube, war dieses Land ein anderes." Im Bayerischen Staatsschauspiel tritt Irmgard Möller nicht auf. Zeitmangel kann ihr und Oriana Fallacis Ausbleiben nicht erklären. Dazu sind beide Auftritte zu kurz. Möglich, es ist in ihnen zu viel gesagt. Obwohl nicht mehr, als Kipphardt wollte: bei beiden Auftritten wird es fast unmöglich, zu entscheiden, wer Täter und wer Opfer ist, wer ein Held und wer ein Monster. Es könnten an dieser Ungewißheit die alten wie die neuen politischen Mythen zerbrechen. Aber die Hoffnung der einen kann die Furcht der anderen sein.

Kipphardts Stücktitel erinnert an einen Aufsatz Thomas Manns, "Bruder Hitler": "Ein Bruder ... Ein etwas unangenehmer und beschämender Bruder; er geht einem auf die Nerven, es ist eine reichlich peinliche Verwandtschaft. Ich will trotzdem die Augen nicht davor schließen, denn nochmals: Besser, aufrichtiger, heiterer und produktiver als der Haß ist das Sichwiedererkennen ..." "Bruder Sharon", "Schwester Möller": andere Titel für Kipphardts Stück.

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