Von Ruth Bydekarken

Fußgänger im Winter?" Der Direktor im Verkehrsbüro schüttelt den Kopf, "dös gibt’s fei net. Wir ham nur drei Wege von insgesamt zwölf Kilometern. Wir mach’n hier alle Langlauf". Und damit ist die Geschichte für ihn erledigt.

Oberammergau ist zwar im Sommer beliebtes Wandergebiet, aber im Winter funktionieren die Gemeindeväter fast alle schönen Spazierwege zu Loipen um. Nun sind aber Sommergäste manchmal auch treue Wintergäste, und selbst Langläufer gehen hin und wieder gerne zu Fuß. Fußgänger sind eben unausrottbar. Wir zählen auf allen drei Wegen, die Oberammergau bietet, in jeweils einer Stunde auf dem ersten über 50, auf dem zweiten – bei minus 17 Grad – fünf und auf dem dritten Weg bei warmem Sonnenschein über hundert Passanten.

Wo kommen nur die Fußgänger her, die es in Oberammergau nicht gibt? Die Paraderoute ist der sogenannte Altherrenweg, ein Bergweg am Abhang des 1500 Meter hohen Aufackers, der ohnehin nicht als Loipe verwendet werden kann. Nicht nur alt und jung, auch Leute allerbesten Skialters lustwandeln hier mit Blick auf den Ort, der am Nachmittag in zauberhaftem Gegenlicht liegt. Die beiden anderen Gehwege führen im Tal nach Ettal und nach Unterammergau und sind selbstredend von Loipen begleitet.

Oberammergau samt Umgebung empfiehlt sich nun einmal als ideales Langlaufgebiet. Die geographischen Gegebenheiten sind gut. Der Ort liegt 800 Meter hoch im oberen Ammertal und am Fuß des Ammergebirges. Das obere Ammertal reicht im Westen von König Ludwigs Schloß Linderhof ostwärts über Graswang und Ettal bis Oberammergau und von hier in nördlicher Richtung über Unterammergau, Altenau bis Saulgrub. Einschließlich der 90 Kilometer langen König-Ludwie-Loipe zwischen Ettal und Linderhof, die allerdings nur im Febuar für Volks- und Profilauf gleichen Namens gezogen wird, zählt Oberammergau im Umkreis 280 Kilometer Loipen, alles Rund wanderstrecken in beinahe brettebener und sonniger Landschaft. Für die Pflege von ungefähr hundert Kilometer Loipen auf Gemeindeterrain einschließlich der Spazierwege werden jeden Winter je nach Schneefall zwischen 150 000 und 200 000 Mark ausgegeben. Das meiste für die Langlaufspuren, obwohl die Ziele in Oberammergaus Umgebung geradezu zum Spazieren verführen. Wir haben das Glück, bei dickem Rauhreif und strahlendem Sonnenschein entlang der Ammer nach Unterammergau zu wandern. Die gezuckerten Tannen des Bergs Aufacker zur Rechten und des Heiglesbergs zur Linken säumen das weiträumige Tal. Die Ammer dampft und hüllt das Dorf in ein undurchdringliches Nebelkleid; darauf balanciert die Zwiebel des Kirchturms.

Unter den Rokokohimmeln beider Dorfkirchen versammeln sich am Sonntag die Gläubigen. Jeder Platz ist besetzt. In Unterammergau sehen wir eine rein ländliche Gemeinde. Als die Messe vorüber ist, holen ein Paar Männer geschwind ihre Milcheimer und bringen sie zum Wagen der Molkerei, um dann mit. allen anderen im "Gasthof zum Stern" einzukehren. Die Luft unter niedriger Zimmerdecke ist dick zum Schneiden. Bei Tabakqualm, Weizenbier und Kartenspiel schauen die Gäste befremdet auf die "Zuagroasten", die eintreten.

Die Rokokokirchen der Gegend sind eine Wonne, die wir nicht missen mögen. Die berühmte "Wies" des Dominikus Zimmermann liegt 26 Kilometer von Oberammergau entfernt behäbig auf ihrer Wiese. An ihrem Fuße schlängelt sich ein hübscher Spazierweg, gerade so, als sei er zum Bewundern der Kirche geschaffen.