Man hat keine Mühe, der deutschen Literatur in den Niederlanden zu begegnen – nicht zuletzt dank der vielfältigen Initiativen des Goethe-Instituts. Umgekehrt sieht die Bilanz eher traurig aus: Von einem der großen Autoren der niederländischen Nachkriegsliteratur ist erst jetzt der zweite Roman in deutscher Übersetzung erschienen –

Willem Frederik Hermans: "Nie mehr schlafen", Roman, aus dem Niederländischen von Rosemarie Still; Rainer Wunderlich Verlag Hermann Leins, Tübingen, 1982; 344 S., 32,– DM.

Hermans, 1921 in Amsterdam geboren, wuchs auf in der Zeit zwischen den großen Kriegen, als "die Dome noch Schlafmützen aufhatten" und die niederländische Gesellschaft unberührt von sozialen und politischen Umwälzungen stabil in sich selber ruhte. Als junger Student der Geophysik erlebte er, wie beim Einmarsch der deutschen Truppen. 1940 das wohlbehütete Haus zusammenbrach, alle vermeintlichen Sicherheiten im Chaos verschwanden.

Große Ernüchterung und "die Angst, betrogen zu werden" prägen seither sein Lebensgefühl und wurden Anlaß zum Schreiben. Die frühen Romane ("Die Tränen der Akazien", 1949; deutsch 1968) spiegeln Verwirrung und Verlorenheit angesichts unüberschaubarer Fronten zwischen Helden und Verrätern, Widerstandskämpfern und angesichts teuren in den Kriegs- und Nachkriegsjahren.

"Nie mehr schlafen", 1966 geschrieben – in den Niederlanden jetzt in der 16. Auflage – führt weiter durch das Feld von Betrug-Selbstbetrug und Eitelkeit aller Erkenntnis: Einer zieht in die Welt, sucht den Stein der Weisen, will Ruhm, Ehre und eine schöne Frau gewinnen. Das Muster, nach dem in alten Zeiten die Helden der westlichen Welt wuchsen, hat gewinnen. der Hauptperson seines Romans mit auf den Weg gegeben. Alfred Issendorf, ein junger niederländischer Geologe, will außerdem das Schicksal seines Vaters rächen, der als Biologe bei einer Expedition verunglückte. Eine Forschungsreise in den hohen Norden, die Beweise liefern soll für die These seiner Doktorarbeit, daß es in der Finnmark Meteorkrater gibt, wird Anlaß, mit all den Erwartungen, die Familie und Universität in ihn setzen, mit all den eigenen Ängsten und Hoffnungen auf einmal fertig zu werden.

Hermans läßt ihn mit leiser Ironie im Kreis gehen. Durch kafkaeske Labyrinthe der Wissenschaft und ihrer Torhüter – die ihm die notwendige Hilfe verweigern – in die von Menschen und Zivilisation unberührte Landschaft der Moore, Wildwasser, Felswände und Abgründe. Es ist ein steiniger Weg, auf dem dank der Mücken und der Mitternachtssonne auch der Schlaf keine Ausflucht gewährt vor dem kreisenden Strom der Gedanken, Tagträume, Phantasien. Von den drei norwegischen Mitforschern setzen zwei sich ab. Den dritten, Arne Jordal, der beinahe so etwas wie ein Freund geworden ist und mit dem er nächtliche Gespräche über die Väter und die Forschung führt, verliert er, als er endlich selbst bestimmen will, in welche Richtung der rechte Weg führt – und natürlich falsch läuft. Ganz allein im Nebel auf dem Berg Vuorje sieht Alfred Issendorf, daß er nichts sieht.

Man kann Hermans’ Roman als Parabel über die Unzulänglichkeit der (konkreten) Wissenschaft bei der Suche nach Sinn lesen, oder auch als Satire auf den Ehrgeiz. Gelungen ist die Wissenschaft Schilderung einer Landschaft, in der die Menschen noch nicht zu viele Spuren hinterlassen haben.

Rosemarie Still, als Mitarbeiterin des Verlags "Bezige Bij", hat Mühe gehabt, einen deutschen Verleger für Hermans zu finden. Mit ihrer Übersetzung hat sie die nicht gerade leichte Aufgabe übernommen, Nuancen und Zwischentöne des Hermans’schen Weltbildes den deutschen Lesern nahezubringen. Elisabeth Wehrmann