Von Klaus Pokatzky

Es fing damit an, daß Frau Littmann beim Friseur saß und in Illustrierten blätterte. Dabei fiel ihr eine der Anzeigen ins Auge, die regelmäßig in vielen Zeitschriften und Zeitungen erscheinen. Kinder aller Rassen und Hautfarben blicken den Leser treuherzig an; die Texte dazu sind weniger treu und herzig. "Wenn Sie keine Kinderpatenschaft übernehmen, wird ein Kind nicht genug zu essen bekommen, nicht genug zum Anziehen haben, nicht genug lernen können oder ganz einfach sterben." Oder es wird das alte Kinderlied zeitgemäß verändert: "Zehn kleine Negerlein, die hatten kein Korn zum Streun, das eine ist gleich verhungert, da waren’s nur noch neun." Und das Ende vom Lied: "Ein kleines Negerlein mag nicht mehr lange leben, und wenn es keinen Paten kriegt, wird’s keine Zukunft geben."

Mit dieser Werbekampagne für Hilfe zur Selbsthilfe in der Dritten Welt bittet seit drei Jahren "World Vision" zur Kasse, eine "christlich humanitäre" Organisation, und dies außergewöhnlich erfolgreich. 22 000 Bundesbürger haben bereits Patenschaften für hungernde Kinder übernommen. 2,3 Millionen Mark nahm World Vision an Spenden im ersten Sammeljahr ein, 1981 dann schon 7,1 und 1982 11,6 Millionen.

Das Ehepaar Littmann kam vor zwei Jahren dazu. Die beiden zahlten fortan 45 Mark im Monat an World Vision, damit Peter Hora aus dem Dorf Panitian auf Palawan, der drittgrößten Insel der Philippinen, die Grundschule besuchen und jeden Tag eine warme Mahlzeit essen kann. Zwei Jahre lang erhielten Littmanns im Schwarzwald dafür freundliche Briefe, in denen sich der kleine Junge artig für so viel Großzügigkeit aus der Bundesrepublik bedankte. Und von World Vision wurde das Patenpaar regelmäßig unter anderem über seine Fortschritte in der Schule informiert. "Sie bekommen", verheißt World Vision schließlich, "wenn auch in einem fernen Land, ein neues Familienmitglied, das genau weiß, daß jemand für es da ist."

So kam Wolf Littmann, der seit 22 Jahren beim Südwestfunk (SWF) in Baden-Baden angestellt und dort Mitglied der politischen Fernsehredaktion ist, die Idee zu einem Film. Mit einem Kamerateam flog er letztes Jahr für vier Wochen auf die Philippinen, um den Dank seines kleinen Patenjungen persönlich zu erfahren. Ein paar Tage nach Weihnachten konnte das Fernsehpublikum die Reise miterleben. Titel: "Auf der Suche nach Peter Hora."

Das katholische Hilfswerk Misereor beurteilte den Film allerdings als "rührselige Schnulze", und die Süddeutsche Zeitung sah nur "Schmalz des Mildtätigkeitspathos".

Beim Zuschaauer entstand der Eindruck, als würde von den 45 monatlichen Mark des europäischen Wohltäters nicht nur Kleidung und Essen für Peter Hora finanziert, das Gehalt seines Lehrers, der Nähkurs seiner Mutter und ein neuer Kindergarten im Dorf – nein, auch der neugeründeten Genossenschaft werde das nötige Ackergerät gekauft und dann bliebe von dem Geld immer noch so viel übrig, daß Peter Hora sparen kann.