Dieses Buch ist wahrscheinlich das präziseste Zeugnis über die hitlerschen Konzentrationslager, das es gibt. Es ist auf doppelte Weise legitimiert. Der Autor, Eugen Kogon, der es im Winter 1945 schrieb, hat erstens selber sechs Jahre – von 1939 bis 1945 – im KZ Buchenwald zugebracht und zweitens war er von der amerikanischen Psychological Warfare Division, die gleich hinter den ersten Panzereinheiten einrückte, gebeten worden, in Zusammenarbeit mit verschiedenen Gruppen von Mitgefangenen einen ausführlichen Bericht über die Rolle der Konzentrationslager im nationalsozialistischen Staat und ihr organisatorisches Gefüge zu verfassen. Den Bericht hat er dann in diesem Buch verarbeitet.

Sechs Jahre unter der terroristischen Disziplin primitiver SS-Mannschaften und ihren Vorgesetzten, die durch unbegrenzte Macht zu immer neuen Verbrechen verleitet wurden – ein Wunder, daß man dies seelisch überleben kann. Kogons Kurzfassung: "Ein Dschungel der Verwilderung, in den von außen hineingeschossen, aus dem zum Erhängen herausgeholt, in dem vergiftet, vergast, erschlagen, zu Tode gequält, um Leben, Einfluß und Macht intrigiert, um materielle Besserstellung gekämpft, geschwindelt und betrogen wurde.

In diesem Buch wird deutlich, warum der Nationalsozialismus ohne die KZs gar nicht hätte existieren können. Sie dienten der Einschüchterung des Publikums, ferner der Eliminierung von Oppositionellen, und schließlich stellten sie besonders während des Krieges ein Reservoir von Arbeitskräften dar. Gleich 1933 wurden 30 solcher Lager eingerichtet. Bis 1939 waren in den großen Lagern Buchenwald, Dachau, Sachsenhausen bis zu 10 000 Gefangene, am Ende des Krieges bis zu 100 000 zusammengepfercht. Insgesamt sind etwa 8 bis 10 Millionen Menschen durch die Lager gegangen – im März 1945 waren insgesamt noch etwa 600 000 von ihnen übrig.

Die Konzentrationslager basierten auf einer Doppelstrategie von Terror und Herausforderung. Die Herausforderung richtete sich an wenige, eben an die SS, die als Elite, als "Leibgarde des Führers", als die "Reinblütigen" und die Garanten einer besseren Zukunft herausgestellt wurden. Von ihnen wurde bedingungslose Gefolgschaft, Treue bis zum Heldentod, Härte gegen sich und andere erwartet; ihnen wurde eingehämmert, daß ihre Ehre höher steht als die der gewöhnlichen Sterblichen, daß sie zu jedem Opfer und jedem Einsatz bereit sein müssen.

Der Terror dagegen diente zur Disziplinierung der vielen. Das Volk muß in Angst und Schrecken gehalten werden, damit dem System keine Widersacher erwachsen: Der Beamte muß wissen, daß, wer gegen den Geist des Nationalsozialismus opponiert, verloren ist; der Richter muß wissen, daß er abgesetzt wird, wenn er nicht im Sinne des Diktators Recht spricht; wer von den Wachmannschaften, noch des Mitgefühls fähig, den Gefangenen gegenüber nachsichtig war, wurde vor versammelter Mannschaft erst degradiert, dann geschoren und nach 25 Stockhieben zu den Gefangenen hinter Gitter gesteckt.

Für die Elite standen Belohnung und Vorteile in Aussicht: Privilegien, Anerkennung, Ehrenbeweise, Wohlstand – für die Masse dagegen vorwiegend Drohungen: Diffamierung, Deklassierung, Haussuchungen, Sippenhaft, Folter und unter Umständen Tod. Da eine Gewaltherrschaft nach einiger Zeit stets Widerstand erzeugt, gehörte zunehmender Terror zum System, um die Herrschaft aufrechtzuerhalten.

Doppelstrategie als politisches System: Romantik und erbarmungslose Brutalität. Mitternächtliche SS-Fahnenjunker-Weihen im Dom zu Quedlinburg, um die Mystik der verschworenen Gemeinschaft zu zelebrieren, und in den Konzentrationslagern tagtäglich eine Eskalation von Perversion und Sadismus.