Von Dietrich Strothmann

Der Verdacht lag, wie immer, nahe: Auch die Anschläge vom vergangenen November und Dezember gegen "Einrichtungen der US-Armee" in Hessen wurden flugs dem Konto der RAF und den "Revolutionären Zellen" zugerechnet. Diese hatten schließlich schon in den Wochen und Monaten vorher zugeschlagen, über fünfzigmal allein im letzten Jahr, mit Bomben gegen das europäische Hauptquartier der Air Force in Ramstein, gegen hohe Offiziere und in abgestellten Autos von GIs. Fast immer trafen nach den Attentaten bei lokalen Zeitungsredaktionen "Bekennerbriefe" der bekannten linksterroristischen Kommandos ein: "Wir waren es!" Also, so wurde kurzgeschlossen, waren es auch dieselben "Feierabendguerillas", die am 14. November in der Tiefgarage eines Hochhauses in Eschborn eine Bombe deponiert hatten (die rechtzeitig entdeckt werden konnte), die am 14. Dezember in Butzbach und Fechenheim sowie einen Tag später in Darmstadt unter die Fahrersitze abgestellter GI-Wagen Sprengkörper gelegt hatten (wobei zwei gezündet und die Autobesitzer schwer verletzt hatten). Wer sonst sollte es auch gewesen sein?

Dabei wies bei diesen letzten Anschlägen kein Anzeichen, keine der rund fünfhundert Spuren eindeutig nach links. Weder folgten den Taten die üblichen Bekenntnisschreiben – nach dem modus operandi der terroristischen Linken noch entsprach die Art ihrer Ausführung den bisher bekannten Regeln. Im Gegenteil: Diese Bomben sollten kurzfristig, blindlings und wahllos töten, nicht "gezielt" erschrecken.

Das ist in der jüngsten Geschichte des Gewalt-Terrorismus eine neue Qualität. Diese Täter hatten, anders als früher, einkalkuliert, daß sie auch "Unschuldige" treffen konnten, Frauen und Kinder der Armeeangehörigen. Im 24 Stockwerke hohen Eschborner Appartementhaus etwa, wo in 250 Wohnungen rund 800 Menschen leben, hätte die Explosion im Versorgungstrakt einen Brand ausgelöst, der viele Zivilisten gefährdet hätte. In den Autos hätten auch Frauen von US-Soldaten ihre Kinder zur Schule bringen können. Die Sprengsätze waren, verpackt in Feuerlöschern und versehen mit "Zündpillen", so konstruiert, daß sie beim Druck des Lichtknopfschalters sofort detonierten. Die früheren Sprengkörper dagegen waren Stabbomben mit Zeitzündern, die den abgestellten Wagen zur Nachtzeit oder am Wochenende in Flammen setzten – "um auf jeden Fall nicht Unbeteiligte zu gefährden", wie es dazu in einem Brief der "Revolutionären Zellen" hieß.

Zuerst waren die Hamburger Verfassungsschützer, erfahren im Umgang mit Neonazis, dahinter gekommen, daß die Spur der antiamerikanischen Attentäter vom November und Dezember zu den linken "Autonomen Militanten", mehr aber in die braune Erde führen könnte:

Einmal, weil sich gerade im hessischen Raum die versprengten Anhänger der beiden verbotenen Gewalt-Organisationen "Wehrsportgruppe Hoffmann" und "Volkssozialistische Bewegung Deutschlands" neu formiert hatten, die im Umgang mit Waffen und Sprengstoff erprobt sind und aus ihrem Haß gegen Amerika nie ein Hehl gemacht haben.

Zum zweiten, weil von ihnen bekannt ist, daß sie aus den marktüblichen Raketenbaukästen, wie sie Spielwarengeschäfte anbieten, jene "Zündpillen" besitzen, wie sie bei den drei Anschlägen benutzt wurden.