Hörenswert

Monika Linges „Floating.“ Zuerst, notiert sie, habe sie autodidaktisch angefangen, Jazz zu singen, zu improvisieren; dann habe sie sich „gesangs- und musiktheoretische Studien“ auferlegt, Erfahrungen im Rock-Jazz gesammelt, schließlich im April 1979 das „Monika Linges Quartett“ gegründet. Und seit 1980 lehrt sie gar schon Jazzgesang an der Universität Duisburg: eine Karriere, deren erstes allgemein zugängliches Produkt diese Schallplatte ist – eine erstaunliche Leistung, aber auch eine, die rundum Vergnügen macht. Alle Kompositionen und alle Texte (die sie hätte gedruckt beilegen sollen) sind von ihr. Sie schwingt sich damit zu keinem avantgardistischen Höhenflug auf, sondern bleibt auf der Erde, hält sich an das, was es gibt, und bringt ein überraschend persönliches Musikereignis zustande. Die Combo spielt unüberhörbar engagiert und gibt eine vorzügliche Basis ab für die Sängerin Monika Linges, die eine leichte, griffige, schwingende Mädchenstimme hat und sie mit distinguierter Gewandtheit für Text und Seat zu benutzen versteht (und sich auch einen hübschen Playback-Spaß mit dem Titel „Running“ zumutet). Die Jazzmusikerin folgt – beinahe versteht sich das von selber – nicht nur ihrem musikalischen Ehrgeiz, es geht ihr auch um Inhalte, und das sind: Geburt und Kindheit, Freundschaft und Liebe, der Kampf ums physische und geistige Überleben. Ein wohlgeratenes Debüt. (Nabel Jazz Nbl 8207; Rainer Wiedensohler, Watthiashofstr. 31,5100 Aachen) Manfred Sack

The Fabulous Thunderbirds: „T-Bird Rhythm.“ Stilistisch nichts Neues, was im Fall der Fabulous Thunderbirds eine gute Nachricht ist: Das amerikanische Quartett um den Sänger Kim Wilson spielt auch auf dem vierten Album einen völlig schnörkellosen, aufs Wesentliche skelettierten Rhythm & Blues, bei dem sogar der Sound an klassische Vorlagen aus den späten vierziger und frühen fünfziger Jahren erinnert, von der „primitiven“ Reverb-Technik der Gitarre angefangen bis zur typischen Art, in der die Mundharmonika abgemischt ist. Mit neumodischer Hochglanzproduktion hat das ganz bewußt nichts zu tun, im Gegenteil: Mit dem unverkennbaren „Back to Mono!“-Pathos werden auch die Jahre beschworen, in denen die Animals, Stones und Yardbirds als Schüler des Big City Blues begannen. Wenn die Platte trotzdem gegenüber früheren der Fabulous Thunderbirds etwas abfällt, dann weniger wegen der atavistischen Attitüde als vielmehr wegen des manchmal doch zweitklassigen Songmaterials. Grandioses wie die Version von Slim Harpos „Tip Ort In“ auf dem Album „Butt Rockin’“ von 1981 findet man hier leider nicht. (Chrysalis 802 566/Ariola Import)

Franz Schöler

Sergej Prokofieff: „Violinkonzert Nr. 1 + 2“. Musik dieser Art muß denen vorgeschwebt haben, die in den fünfziger und sechziger Jahren den akustischen sozialistischen Realismus propagierten – dreißig Jahre vorher hieß sie noch einfach, aber auch ein bißchen irrtümlich Neoklassizismus. Optimistische Perspektive hier, neue Betonung traditioneller Linien, Formen, harmonischer Beziehungen, Empfindungen dort; revolutionäres Wollen heute, vorsichtiger Rückzug gestern, Itzhak Perlman und das BBC-Symphony-Orchestra unter Gennady Roshdestwensky kümmern sich wenig um die musiksoziologische Qualifikation, sondern widmen sich dem Detail und den Farben. Erstaunlich, wie fahl ein langer Streicherton, wie gespenstisch ein Tremolo, wie skeptisch eine lyrische Linie klingen, aber auch wie intelligent eine übersentimentale Phrase abgefangen, ein wildes Scherzo gezähmt, eine folklorische Melodie kunstvoll artikuliert werden können – ein Expressionismus sozusagen in der unteren Hälfte der Hitzegrad-Skala. (EMI 1 C 067-43 006)

Heinz Josef Herbort