Von Irene Mayer-List

Der Entschluß steht für Joachim Brandt nahezu fest: Wenn der Winter weiterhin mild bleibt und der Boden nicht gefriert, will der Holsteiner Baumschulbesitzer in den nächsten Tagen und Wochen rund 700 000 kleine Eichen und Buchen aus seinen Feldern herauspflügen und unter behördlicher Aufsicht auf den Müll fahren oder verbrennen. Mindestens 200 000 Mark, die Brandt in die zwei- bis dreijährige Aufzucht der Bäumchen investiert hat, sind dann verloren.

Brandt ist wie rund hundert weitere Baumschulbesitzer in allen Teilen Deutschlands von einem Skandal betroffen, bei dem inzwischen auch das Bundesministerium für Landwirtschaft und die deutschen Forstbehörden unter Beschuß geraten sind. Denn den Beamten und ihrer Auslegung des Gesetzes ist es letztlich zuzuschreiben, wenn die Baumschulen in diesem Frühjahr – trotz allen Wehklagens über das Waldsterben – insgesamt dreißig Millionen junge, kerngesunde Eichen, Buchen, Fichten und Kiefern vernichten müssen. Allein der materielle Schaden dieser Aktion wird auf über zwanzig Millionen Mark geschätzt. Joachim Brandt, der als Vorsitzender des Bundesverbandes Forstsamen-Forstpflanzen auch für seine Kollegen spricht, klagt: „Als Kaufmann wie als Kultivateur, der die Aufzucht der Pflanzen ernst nimmt, ist der Fall für mich deprimierend.“ Sein Kollege Klaus Köther, Inhaber der Halstenbeker Baumschule Rudolf Schrader: „Wir verlieren neben den finanziellen Einbußen auch ein wenig Herzblut. Wenn man die Pflanzen über Jahre hinweg gepflegt hat, tut es weh, sie jetzt so einfach rauszupflügen und zu verbrennen.“

Der Grund, warum die Pflanzen weg müssen: Niemand weiß genau, aus was für Samen sie gezogen sind. Für den deutschen Forstbeamten aber gehört ein Baum „ohne Stammbaum“ nicht in den deutschen Wald. Damit das auch ein für allemal feststeht, gibt es dazu eigens ein Gesetz über forstliches Saat- und Pflanzengut, das den Verkauf unbekannten und ungeprüften Nachwuchses verbietet. Helmut Dörflinger, Ministerialrat im Bundesministerium für Ernährung, Landwirtschaft und Forsten: „Bei Bäumen unbekannter Herkunft wäre das Risiko einer Fehlentwicklung und einer Beeinträchtigung der späteren Ertragskraft unseres Waldes einfach zu groß.“

Die Samen für die dreißig Millionen Bäumchen, die jetzt zur Diskussion stehen, kamen denn auch durch einen Betrug zu den Baumschulen. Im Jahre 1977, als die Saatgut-Ernte in den deutschen Wäldern besonders schlecht ausgefallen war, verkauften zwei deutsche Saatgut-Handlungen – der Forstmann nennt solche Firmen Samendarren oder Klengen – Bucheckern, Eicheln und andere Samen aus Rumänien und aus nicht für die Zucht anerkannten deutschen Waldgebieten an die Baumschulen, allerdings deklariert als „offiziell anerkanntes Saatgut“.

Da nur 0,8 Prozent der über sieben Millionen Hektar deutschen Waldes für die Baumzucht anerkannt werden, geraten die Saatgut-Händler in schlechten Erntejahren manchmal in die Klemme. Zwei konnten deshalb der Versuchung nicht widerstehen, ihre Vorräte außerhalb der Legalität etwas aufzubessern.

Erst im letzten Jahr, als das Saatgut schon längst an die Baumschulen verkauft und dort zu fünfzig bis hundert Zentimeter hohen Bäumchen herangewachsen war, flog der Schwindel auf. Ein Angestellter der Forstsamendarre Kaumanns in Möll bei Lübeck – so der Lübecker Staatsanwalt Joachim Böttcher – hatte bei der schleswig-holsteinischen Forstverwaltung gepetzt. Seither laufen gegen das Unternehmen wie auch gegen die Klenge Siemer & Mettler GmbH im niedersächsischen Wittlingen Ermittlungen in Sachen Betrug.