Hamburg

Die Strecke war nicht besonders aufregend. Ein Fuchs, fünf Enten und 43 Karnickel lagen im Fackelschein vor der Jagdhütte. Doch zwei Stunden nach dem Halali der Hamburger Senatsjagd am nordöstlichen Rand der Millionenstadt konnte Gastgeber Peter Rabels, Staatsrat an der für die Jagd zuständigen Behörde, mit einer auffälligeren Trophäe aufwarten. Beim „Schüsseltreiben“ in der Mellingburger Schleuse präsentierte Rabeis das „stärkste Hirschgeweih in Deutschland seit 300 Jahren“: das 13 Kilogramm schwere, an jeder Stange mehr als einen Meter lange Geweih des 26-Enaers „Gigant“.

Wichtiger als Gewicht und Länge ist für Jäger die Benotung nach „Internationalen Punkten“, einer kompliziert errechneten Quote aus Länge, Umfang, Gewicht und Schönheit des Geweihs. Der letzte auffallend große Hirsch in der Bundesrepublik, ein 16-Ender mit 225,9 Internationalen Punkten, war 1959 zur Strecke gebracht worden. „Die vorläufige Bewertung des jetzt gefundenen ‚Gigant‘ mit 257,25 Punkten“, schreibt das Fachblatt Wild und Hund, „liegt so hoch über den bisher gekannten Dimensionen, daß sie jeden Rotwildkenner in ungläubiges Erstaunen versetzen muß und Gatter- oder Fütterungsgedanken aufkommen lassen.“

Die hanseatischen Jäger haben sich ihren „Gigant“ freilich nicht im Gatter herangehegt. Der Hirsch kommt vielmehr, wie Wild und Hund versichert, „aus freier Wildbahn, auch wenn sein Einstand nur etwa 20 Kilometer vom Hamburger Rathaus entfernt liegt“.

Das großstädtische Rotwildparadies heißt Duvenstedter Brook, ein etwa tausend Hektar großes Naturschutzgebiet im äußersten Nordosten Hamburgs. Schon lange beobachten die hanseatischen Waidmänner mit Stolz, daß der rund hundert Tiere umfassende Rotwildbestand im Brook besonders starke Hirsche hervorbringt – bis zu vier Zentner schwer und mit mehr als 210 Internationalen Punkten fürs Geweih.

Der jährlich abgeworfene Kopfschmuck ist „schon ein erstaunliches Gebilde“, wie es in Grzimeks Tierleben heißt. „Es muß nicht gerade bequem sein, dieses Gestell einen großen Teil des Jahres auf dem Kopf herumzutragen, bis es dann endlich abgeworfen wird“, meist von Februar an. Im Gegensatz zu einer weitverbreiteten Annahme sagt die Zahl der Enden nichts über das Alter des Hirsches aus. „Gigant“ war trotz seiner 26 Enden erst sieben Jahre alt. Mit wachsendem Wohlgefallen hatten die Hamburger Jäger das Riesentier heranwachsen sehen. Ans Schießen dachten sie noch lange nicht, da im Duvenstedter Brook kapitale Hirsche erst vom 13. Kopf an bejagt werden.

Im Dezember fand Revierförster Wolfgang Koopmann „Gigant“ verludert – Jägerausdruck für verendet – im Wald. Etwa zehn bis vierzehn Tage hatte der Hirsch schon tot dort gelegen, so daß Wildschweine ihn anfressen konnten. Die unversehrt gebliebenen Teile wiesen keine Verletzungen auf, so daß die Todesursache – Autounfall? Wilderei? – nicht mehr festgestellt werden konnte.