Massive Eisengitter im römischen Gerichtssaal hatten es nicht verhindern können: Die italienischen Rotbrigadisten, die den Christdemokraten Aldo Moro entführt und ermordet hatten, wirkten nach 99 Sitzungstagen weniger denn je wie politische Raubtiere. Von der „Internationale“, die sie zu Beginn noch angestimmt hatten, war auch bei jenen nichts mehr zu hören, die nichts bereut oder dazugelernt hatten. Die Endlosigkeit der lebenslänglichen Strafe, zweiunddreißigmal ausgesprochen, entsprach dem politisch wie moralisch bodenlosen Niemandsland, aus dem sie gekommen waren.

Trotz dreihundert Zeugen und hunderttausend Seiten Akten blieb vieles unklar und unausgesprochen: von prominenten Politikern, von Familienangehörigen Moros, von Staatsfunktionären und nicht zuletzt von den Angeklagten selber, die auf Verteidigung, aber auch darauf verzichteten, den Prozeß zur Bühne ihrer Selbstinszenierung zu machen. Gewiß, Italien kann sich rühmen, daß ihm gelang, was vor vier Jahren kaum jemand für möglich gehalten hatte: Alle Hauptschuldigen am Moro-Mord sind gefaßt und abgeurteilt worden. Doch nicht ganz beantwortet ist noch immer die Frage, ob es wirklich keine Chance gab, Moros Leben zu retten.

Ein parlamentarischer Untersuchungsausschuß müht sich seit langem auch mit dieser Frage ab; ihm will demnächst einer der verurteilten Terroristen mehr berichten als dem Gericht. Prospero Gallinari, der Mann, der Moro am Ende ins Herz schoß, nannte als Hauptmotiv der Tat: „Den Plan der nationalen Solidarität zu vereiteln.“ Gemeint ist das Regierungsbündnis zwischen Christdemokraten und Kommunisten, das Moro 1978 fast zustande gebracht hatte. Davor hatten ihn linke Sektierer, aber auch italienische und amerikanische Freunde gewarnt. Hansjakob Stehle