Im Jahr 1977 wurde ein Kind geboren, dessen Dasein seither die Gerichte und die Medien beschäftigt. Das heute fünfjährige Mädchen ist schwerbehindert. Seine Mutter hatte in den ersten Wochen der Schwangerschaft Röteln. Das Kind ist zur Welt gekommen, weil der Frauenarzt, den die Mutter wegen ihrer möglichen Erkrankung um eine Blutuntersuchung gebeten hatte, versäumte, die Blutproben einzuschicken. Die Eltern verklagten ihn auf Schadenersatz für die Mehrausgaben, die ihnen durch die Behinderung ihres Kindes entstanden und entstehen.

Der 6. Zivilsenat am Bundesgerichtshof bejahte jetzt – nach der Ablehnung durch die Vorinstanz – diesen Anspruch auf Schadenersatz; ein Präzedenzfall in der deutschen Rechtsprechung. Die Eltern haben damit etwas erreicht, was auch anderen Eltern nützen kann: nämlich, daß Ärzte Fahrlässigkeiten und Versäumnisse in der Schwangerschaftsvorsorge nicht einfach leugnen und von sich schieben können. Sie werden sich oberflächliche Untersuchungen und unzureichende Gespräche und Beratungen nicht auch leisten können.

Der Fall wirft aber auch Fragen auf. Was müssen andere behinderte Kinder oder Jugendliche empfinden, wenn sie von dieser Schadenersatzklage hören, die auch ihre eigenen Eltern hätten einreichen können?

Ich habe eine Tochter, die bei ihrer Geburt schwer behindert war. Als sie so alt war wie das Kind, um das es in dem Prozeß geht, konnte sie weder richtig stehen noch laufen, sie sah und hörte schlecht. Ihre Sprache bestand vorwiegend aus Vokalen, so daß man sie für geistig behindert hielt. Inzwischen hat sie dank guter Behandlung gelernt, sich frei und sicher zu bewegen. Sie hat einen Realschulabschluß gemacht. Ihre tatsächliche Behinderung hat sie, wie zahlreiche andere Jugendliche es ähnlich berichten, immer viel weniger gestört und belastet als das Spiegelbild, das ihr die Umwelt vorhielt. Die Tatsache, als behindert etikettiert und damit auch als minderwertig und wenig erwünscht abgestempelt zu Sein, war schwerer zu ertragen als die Behinderung selber.

Ich habe sie gefragt, was sie von der Schadenersatzklage der Eltern des kleinen Mädchens hielte. Ihre Reaktion auf meine Frage war zunächst eine – sehr beunruhigte – Gegenfrage: Was hättest du getan, wenn du rechtzeitig gewußt hättest, daß du ein behindertes Kind bekommst? Dann ihre Antwort zu dem Prozeß: Etwas Schlimmeres zu erleben, könne sie sich überhaupt nicht vorstellen.

Ein behindertes Kind muß die Klage der Eltern doch so verstehen: Die einzigen Menschen, von denen ich glaube, daß sie mich akzeptieren und lieben, so wie ich bin, wünschen oder haben einmal gewünscht, daß mein Leben noch vor meiner Geburt ausgelöscht worden wäre.

Schon für ein gesundes Kind ist es belastend zu wissen, daß es nicht zur Welt kommen sollte. Es braucht aber nicht zu befürchten, seine Unerwünschtheit habe etwas mit seiner Individualität zu tun. Die Eltern wollten zu einem bestimmten Zeitpunkt einfach kein Kind. Das behinderte dagegen muß sich vorkommen wie eine Ware: Entspricht sie nicht den Vorstellungen seiner Eltern, die ein intaktes Kind wollten, kann sie zurückgewiesen werden. Wie muß es durch diesen Verdacht verunsichert, ja verängstigt werden, zumal es im Verhalten seiner Umwelt ständig mit seiner Unzulänglichkeit und Unerwünschtheit konfrontiert wird?