Als vor zwanzig Jahren mein Buch über „Stalingrad und die Verantwortung des Soldaten“ erschienen war – ein von der Wolga mit heimgebrachtes Vermächtnis, das mich bis heute nicht losgelassen hat erhielt ich einen mich bewegenden Brief von Karl Jaspers. Darin stand auch der Satz: „Stalingrad ist Ihnen die Offenbarung des Wesens der nationalsozialistischen Herrschaft und die erste große Vorwegnahme des gesamtdeutschen Verhängnisses. Das gibt dem Bilde das Gewicht.“

Ohne den 30. Januar 1933, ohne den 1. September 1939 und ohne den 22. Juni 1941, um nur diese Daten folgenschwerer Geschehnisse aus einer katastrophalen Entwicklung herauszugreifen, wäre es 1942 nicht zu dem unheilschwangeren deutschen Vormarsch und Amoklauf bis zur Wolga und zum Kaukasus gekommen, dem ausreichender Flankenschutz und die erforderlichen Reserven in unverantwortlicher Weise versagt blieben. Diese militärischen Ziele des Rußlandfeldzugs an der Südostfront sollten nur Voretappen sein für weitere größenwahnsinnige Operationen, die auf den Vorderen Orient und auf Pakistan gerichtet waren! Die Lage und die – dem Gegner wohlbekannten – Verhältnisse an der deutschen Offensivfront forderten damals vor dem Einbruch des Winters die große Einkesselungsschlacht der Sowjets geradezu heraus. Die Unmenschlichkeit der Endphase dieser Schlacht ließ deutlich werden, wie tiefgreifend die nationalsozialistische Indoktrination längst die Wehrmacht erfaßt hatte. Die Verantwortungslosigkeit der militärischen Führung, das ergänzende Gegenstück zur Verantwortungslosigkeit der gesamten politischen Führung, die seit Jahren weiten Teilen Europas Unfreiheit und Unglück gebracht hatte, wandte sich nun erstmalig spürbar auch gegen das eigene Volk.

Nach vierzig Jahren erkennen wir heute die Stalingrader Schlacht in ihren geschichtlichen Dimensionen und Auswirkungen. Der Name Stalingrad ist wie Verdun im Ersten Weltkrieg zu einem Symbol geworden für äußerste soldatische Hingabe, unsägliche menschliche Leiden, Hekatomben von Blutopfern und grauenvolle Vernichtung. Niemals zuvor ist mit Ausnahme von Verdun ein Stück Erde so erbittert verteidigt worden wie die in Trümmern versunkene Stadt an der Wolga durch die Sowjets, und niemals zuvor ist eine große, sieggewohnte Elitearmee unter so jämmerlichen Umständen, zugrunde gegangen, ja sogar aufgeopfert worden wie die im Stalingrader Kessel. Die deutsche militärische und menschliche Katastrophe an der Wolga, die größte Niederlage der preußisch-deutschen Militärgeschichte, war die entscheidende Wende des Hitlerischen Rußlandfeldzuges, von dem Ernst Nolte keineswegs zu Unrecht gesagt hat, er sei „der ungeheuerlichste Eroberungs-, Versklavungs- und Vernichtungskrieg“ gewesen, „den die moderne Geschichte kennt“.

Für die Sowjets war die Stalingrader Schlacht ein glorreicher, triumphaler Sieg, auch dieser einzig dastehend in der russischen Geschichte. Die erstaunlichen Leistungen und Erfolge der Roten Armee und ihrer höheren Führung sowie der Wirtschaft und Rüstungsindustrie im Hinterland stärkten nachhaltig das Selbstbewußtsein, die Siegeszuversicht und das Solidaritätsgefühl der sowjetischen Welt. Heute wissen wir, daß die Stalingrader Schlacht, der Umschwung im „Großen Vaterländischen Krieg“ der Sowjetunion und die eigentliche Geburtsstunde des Sowjetpatriotismus, letztlich den zielbewußten Siegesmarsch der Roten Armee in das Herz Deutschlands und nach Berlin zur Folge hatte. Damit führte sie auch eine weltpolitische Veränderung herbei.

Die gesamten Dimensionen der Schlacht um Stalingrad und am Don mit ihren katastrophalen Auswirkungen bei den drei deutschen Heeresgruppen der südlichen Ostfront sind oft nicht voll erkannt worden, weil die deutsche Literatur sich vorwiegend mit den ebenso spektakulären wie dramatischen Ereignissen und Entscheidungen der eigentlichen Kesselschlacht beschäftigt hat, die 76 Tage gedauert hat. Die vorausgehende kräfteverzehrende, fast genauso lange Zermürbungsschlacht um die vollständige Eroberung der Stadt, bei der es um reine Prestigezwecke Hitlers ging ohne strategischen Sinn, denn Stalingrad war als Rüstungs- und Verkehrszentrum längst ausgeschaltet und die Wolga gesperrt worden, kam dabei oft zu kurz. In diesem verhängnisvollen Ringen sind bereits die 6. Armee und große Teile der 4. Panzerarmee so ausgeblutet, daß ihre Schwächung unüberwindlich war.

Die Einkesselung der bereits so weitgehend angeschlagenen und dezimierten deutschen Verbände stellte eine schwere Niederlage dar. Es war eine Todsünde der obersten Führung, damals nicht unverzüglich die im Kaukasus stehenden Truppen zurückzunehmen und zwecks operativer Bewegungen in der Kalmückensteppe oder anderswo die Möglichkeiten für den rettenden Ausbruch oder Entsatz der 6. Armee abzusichern. Lange Wochen bis gegen Ende Dezember 1942 mußten der Chef des Generalstabs, General Zeitzier, und Generalfeldmarschall von Manstein mit Hitler um den Rückzug dieser dringend benötigten und gefährlich exponierten Truppen ringen. Auch hier lag ein Grund für das Scheitern der Entsatzoffensive der Angriffsgruppe Hoth am 21. Dezember.