Europameister Norbert Schramm sieht sich zum Kompromiß mit der Konvention gezwungen

Von Uwe Prieser

Als Norbert Schramm im vergangenen Februar in Lyon Europameister der Eiskunstläufer geworden war, da wurde mit dem Sieger auch der neue Eislauf-Stil der achtziger Jahre gefeiert. Auf den Kunstmaler Toller Cranston, dessen Kür ein fünf Minuten langes bewegliches Bild gewesen war, auf den strengen Ballett-Tänzer John Curry und den Illusionisten Robin Cousins war Norbert Schramm gefolgt – der Harlekin. Kein dummer Hanswurst, sondern einer, der etwas von der schönen alten Commedia dell’arte auf die Eislaufbühne brachte. Wenn Schramm bei den Pirouetten seinen Körper marionettenhaft krümmte, beim Laufen Publikum und Preisrichtern eine Nase zu drehen schien, waren Erfolgsernst und Leistungswille auf heitere Weise aufgelöst.

Noch nicht einmal ein halber Winter ist wieder vorbei, da droht Norbert Schramm schon in der nächsten Woche bei der Europameisterschaft in Dortmund von dem typischen Künstlerlos der Pop-Generation ereilt zu werden: kometenhaft aufgestiegen, überschwenglich gefeiert – und alsbald ausgewechselt, weil die alte Masche abgelaufen ist. Denn der Harlekin auf dem Eis macht keine neuen Späße mehr; vielmehr hat er Kompromisse mit der Konvention geschlossen. Doch was bleibt dann noch vom Harlekin?

Norbert Schramm hat das nicht gewollt, er ist zu den Kompromissen gezwungen worden. Im vergangenen Mai hatte er gemerkt, wie schwer es war, seine schöne, verrückte Kür vom Winter noch einmal neu zu erfinden. Er ist dann auf die Idee gekommen, einen Sprung mit dem Schlittschuh in die Bande zu machen, ist im Elchgang über das Eis geschaukelt, und er hat sich einen knallgelben Küranzug mit einer breiten roten Schärpe angezogen, in dem er sich bei den Pirouetten wie eine rotgelbe Zuckerstange in die Höhe schraubte. Im Herbst wurde ihm klargemacht, daß er auf dem falschen Weg war. Die internationalen Preisrichter lehnten diese Steigerung seiner Harlekinade ab. „Es war nicht meine Absicht, konventioneller zu laufen“, sagt er, „aber ich bin mit meiner ersten Kür auf verdammt harte Kritik gestoßen.“ Im Januar mußte er sich bei der deutschen Meisterschaft fragen lassen, ob der gezähmte Schramm noch der echte Schramm sei. Er hofft es – sicher kann er nicht sein.

Harlekin muß damit rechnen, daß er nun aus seinem Komödiantenhimmel fällt, Norbert Schramm wäre dann ein Opfer vor allem des grundsätzlichen Dilemmas des Eiskunstlaufs, das in der Zwischensilbe „Kunst“ liegt. Niemand weiß richtig, wie Kunst auf Schlittschuhen auszusehen hat. Darum stellt sich jeder etwas anderes darunter vor. Was als Kunst beurteilt werden soll, wird dabei auf eine Frage des Geschmacks und der Mode reduziert.

Im Eiskunslauf wird eine Note (A-Note) für den technischen Wert einer Kür vergeben (Schwierigkeit der Sprünge, Exaktheit der Pirouetten, Reinheit des Laufens) und eine zweite Note (B-Note) für den künstlerischen Ausdruck. So hofft man, eine Synthese aus Sport und Kunst herzustellen. Doch im Gegensatz zum Vorbild des Bühnentanzes gibt es im Eiskunstlauf nur verschwommene künstlerische Kriterien. Kunst ist, was gefällt, was gefällig ist, was den Preisrichtern zufällt. So setzt sich Kunst im Eislauf oft nur zufällig durch – wenn Ausnahmeläufer wie Cranston, Curry oder heutzutage die englischen Eistänzer Jayne Torvill und Cnristopher Dean dem Eiskunstlauf zu einem künstlerischen Selbstverständnis verhelfen, das mit ihrem Rücktritt wieder erlischt. Erlöschen muß, weil die, die im Eiskunstlauf die Richtung bestimmen, die Preisrichter, zwar eine technische, aber durchweg keine künstlerische Ausbildung genossen haben.