Hamburg

Glaubt man Capital, dann muß es im Reisebüro an den Landungsbrücken von St. Pauli bald hoch hergehen – die Beschäftigten der Hamburger Howaldtswerke/Deutsche Werft (HDW) arbeiten kurz, und Kurzarbeit, so hat das Wirtschaftsmagazin entdeckt, macht reiselustig. Urlaubsstimmung will jedoch nicht so recht aufkommen an diesem Morgen auf der "Blankenese", mit der die HDW-Arbeiter von den Landungsbrücken zur Werft übersetzen. Am Tag vorher haben Unternehmensleitung und Betriebsrat über die Kurzarbeit für Februar und März verhandelt – was ist herausgekommen? Nur Gerüchte, keiner weiß Genaues. "Am 28. geben sie uns sowieso den Todesstoß." Hart legt die "Blankenese" an, mit "Guten Morgen" grüßt die Geschäftsleitung von einem Schild.

Durch die Schiffsbauhalle, groß wie der Hamburger Hauptbahnhof, schwebt ein mächtiger Kran, der eine winzige Platte transportiert. Wo sind die Leute? Da stehen zwei, da schweißt einer – die Hälfte der Arbeiter ist zu Hause. "Kurzarbeit" heißt für jeden zweiten aus dieser Halle "Nichtarbeit". Auch der, der da jetzt schweißt, wird nächste Woche arbeitslos sein, dann wieder in der Halle stehen, dann in der Wohnung sitzen, mal Arbeiter, mal Arbeitsloser.

Sein Arbeitslosengeld zahlt das Arbeitsamt, den Lohn die Werft. Alles in allem wird er 400 Mark niger als sonst auf dem Lohnstreifen haben. Geht das denn überhaupt? Er zuckt mit den Schultern, blickt irgendwohin in die Tiefe der Halle und erzählt, daß er zwei Kinder hat ("der Älteste geht zum Gymnasium, kost’ ’nen Haufen Geld") und daß seine Frau an der Kasse aushilft ("aber das geht nur manchmal").

Auf dem Hallenboden liegen wie vergessen ein paar rostbraune Stahlplatten. Diese Platten, die hier vorbereitet werden, um dann draußen Stück für Stück zu Schiffsrümpfen zu wachsen, türmen sich sonst vier, fünf Meter hoch. Die wenigen, die jetzt noch auf ihre Verarbeitung warten, sind der Rest der "190", des vorläufig letzten Schiffes, das bei HDW vom Stapel läuft. "Bei uns klingt das ja nun aus", sagt der Hallenvorarbeiter, und er sagt es so, als ginge ein schönes Fest zu Ende.

Die "190" liegt fast fertig auf dem Helgen, zwanzig Meter noch ragt der 150 Meter lange Schiffskörper – ein Klacks für die größte deutsche Werft. Unter normalen Umständen wäre sie schon längst zu Wasser gegangen. "Die wird mit dem Gummiband gebaut", scherzen diejenigen auf den Gerüsten um das Schiff, die ihren Galgenhumor noch haben. Sie klammern sich an den letzten Pott, sie kleben an ihrer Arbeit, sie halten sich an ihrem Werkzeug fest – je länger sie brauchen, desto kürzer ist die Kurzarbeit. Und vielleicht taucht ja plötzlich am Horizont doch noch ein Neubauauftrag auf, so hoffen sie immer noch.

Wenn die "190" – wahrscheinlich am 25. Februar – vom Stapel laufen wird, werden die Maschinen, anders als üblich, noch nicht eingebaut sein. Aber fahren wird der Mehrzweckfrachter, der dann seine Arbeitsnummer gegen einen schönen Namen eingetauscht haben wird, sowieso kaum: Er ist ein Abschreibungsdampfer, ein Schiff, das nicht in erster Linie gebaut wurde, um Fracht zu befördern, sondern um Steuerlasten zu erleichtern. Gutverdienende Mitbürger wie Zahnärzte oder Anwälte stecken, statt hohe Steuern zu zahlen, ihr Geld in den notleidenden Schiffbau und kommen so in den Genuß von Abschreibungssätzen und Subventionen. Die Vorgängerin der "190" soll bisher nur einmal in See gestochen sein.