Von Peter Christ

Wer erinnert sich nicht mehr an die ersten arroganten Fernsehauftritte der Ölpotentaten aus dem Morgenland? Es sind nicht einmal zehn Jahre vergangen, seit die Ölstaaten den Industrieländern mit einem Lieferstopp drohten und sie von dem lebensnotwendigen Rohstoff abschneiden wollten.

Hilflos mußte damals die Welt mitansehen, wie die in der Opec zusammengeschlossenen Förderländer 1973/74 den Ölpreis verdreifachten und schließlich 1979 noch einmal verdoppelten. Die voreilig zum mächtigsten Kartell der Geschichte erhobene Opec wurde ebenso voreilig für alle wirtschaftlichen Nöte dieser Welt verantwortlich gemacht: Inflation, Wachstumskrise, Arbeitslosigkeit, Armut in der Dritten Welt – die Opec war’s.

Nach alledem fällt es schwer, nicht Schadenfreude, Triumph oder zumindest Genugtuung zu empfinden, wenn der saudische Ölminister Ahmed Zaki Jamani, mächtigster Mann der Opec, die Genfer Begegnung mit seinen Ministerkollegen als „völligen Fehlschlag“ bezeichnet. Mit dem geplatzten Treffen in Genf ist innerhalb von knapp sieben Monaten die dritte Opec-Konferenz gescheitert.

Werden die zerstrittenen Kartellbrüder jetzt zum offenen Preiskampf übergehen – jeder gegen jeden? Einiges spricht dafür. Am spekulativen Rotterdamer Spotmarkt, der in der Vergangenheit oft den Trend vorgab, sinken die Preise. Die Vereinigten Arabischen Emirate erhöhen ihre Förderung um ein Drittel, wodurch die Preise zwangsläufig unter Druck geraten. Mit versteckten Rabatten versuchen einige Ölexporteure seit Monaten ihr Geschäft anzukurbeln. Saudi-Arabien, bei weitem der größte Ölverkäufer, sähe vielleicht gar nicht so ungern, wenn die Preise für kurze Zeit deutlich nachgäben. Die Freude über das ständig billiger werdende Öl würde nur kurz währen. Zwar fiele es den Industriestaaten leichter, Inflation und Arbeitslosigkeit zu bekämpfen, und die von der Opec geschröpften Entwicklungsländer gewönnen wieder ein wenig finanziellen Spielraum. Aber langfristig würde billiges Öl vor allem aus drei Gründen mehr Schaden stiften als Nutzen bringen.

Erstens: Die Zeit billiger und nahezu unbegrenzt vorhandener Energie ist vorbei. Die heute bekannten Ölvorräte reichen nur noch 32 Jahre. Sollten neue Ölfelder außerhalb der Opec aufgespürt und erschlossen werden, so sind dafür gewaltige Investitionen nötig, die sich nur bei hohen Ölpreisen rentieren. Schon im vergangenen Jahr ist wegen der zu niedrigen Preise die Erschließung großer Ölsand- und Ölschiefervorräte in den Vereinigten Staaten aufgegeben worden. Sinkende Ölreise müßten alte Illusionen zum Leben erwecken. Die Suche nach alternativen Energiequellen wird rasch erlahmen und die Abhängigkeit vom Öl und von der Opec wieder zunehmen. Die Internationale Energie-Agentur in Paris hält aus diesen Gründen eine neue Ölkrise Ende der achtziger Jahre für möglich.

Zweitens: Viele der bisherigen Anstrengungen von Industrie und Privatleuten, den Energieverbrauch zu drosseln, werden bei sinkenden Energiepreisen unwirtschaftlich. Die Wirtschaft müßte sich erneut umstellen, und diese Anpassungskrise schlösse nahtlos an die vergangene an.