Berlin: „Elvira Bach“

Bei aller Variation ist es immer wieder dieselbe Figur, die in ihren Bildern erscheint: eine starke, kraftvolle Frau mit breiten Hüften, mächtigen Schultern und muskulösem Hals, mit eng anliegendem Kleid und streng zurückgekämmtem Haar. Dazu trägt diese Figur durch Stöckelschuhe, Dekolleté und prononciertes Make-up auch die heute gängigen Attribute des Weiblichen. Dieser Typus, davon darf man ausgehen, ist auch Selbstporträt, ist Selbstdarstellung Elvira Bachs (geboren 1951), einer Schülerin des Tachisten Hann Trier, die zum Kreis um die Galerie am Moritzplatz gehörte, dem Ausgangspunkt der Berliner Heftigen Malerei. Sie ist eine der wenigen Frauen in dieser jüngsten Kunst-Welle, und die weiblich-männliche Polarität ihrer Bilder weist wohl auch darauf hin, daß expressiv-gestische Malerei (wenn es denn einen Unterschied gibt) eher maskuliner als femininer Ästhetik entspricht. Elvira Bach – die von solchen grundsätzlichen Unterschieden nichts wissen will – aber meistert die gesuchte Situation eindrucksvoll. Ihre Malerei hat eine präzise Gestik, eine kontrollierte Energie, die Figuren werden mit wenigen Strichen bezeichnet, die Farbflächen lebendig gerollt. Die Bilder erzählen kleine Geschichten, und – darin unterscheiden sie sich etwa von den gleichermaßen gewaltigen, expressiven Frauen de Koonings aus den fünfziger Jahren – es sind sehr persönliche Geschichten, über das Schminken und das Hanteln-Heben, sie berichten vom Träumen, vom Trinken und Rauchen, vom Klavierspiel und von der Verführung, vom Sprung auf eine Wolke. Stilleben eröffnen das private Panorama aus Zahnbürste, Kamm und Lippenstift, dazu gesellen sich Rasierpinsel und -klinge. Das alles ist voller Humor und Melancholie, hat Zuversicht und Sehnsucht, ebensoviel Stärke und Kraft wie jene Verletzlichkeit, die Bestandteil rückhaltlosen Sich-Öffnens ist. Männer kommen in dieser Welt auch mal vor: als Schatten hinter der Verführerin und als – Schneemann. (Galerie Interni bis zum 16. Februar, Katalog 10 DM)

Ernst Busche

München: „Für Rupprecht Geiger“

„Die Wirkung dieser Farbe ist so einzig wie ihre Natur“, bemerkte Goethe in den „Schriften zur Farbenlehre“ über das Rot, und: „Eine Umgebung von dieser Farbe ist immer ernst und prächtig“. Goethe bezog sich hier auf das, was er die „sinnlich-sittliche Wirkung der Farbe“ nannte. Rupprecht Geiger, der Maler des Rots, meint etwas ähnliches, wenn er schreibt, diese Farbe sei „mit ihrer Fähigkeit zu stimulieren in einer machtvollen Funktion“. Von der Energie des Rots stimuliert, „fühlt man, daß Farbe eine geistige Kraft ist“; das „Farbfeld“ wird zum „Kraftfeld“. Solche Äußerungen des Künstlers sind keine theoretischen Krücken zum Verständnis seiner Malerei, sie werden in der sinnlichen Wahrnehmung bestätigt. Eines seiner Rot in Rot modulierten Bilder ist im Zentrum einer Ausstellung, mit der Freunde und Kollegen aus München und Düsseldorf (wo er von 1965-1976 an der Akademie lehrte) dem Maler zum 75. Geburtstag am 26. Januar gratulieren. „Für Rupprecht Geiger“ ist eine ruhige und schöne Ausstellung, die sich auch den Luxus leerer Wände leistet. In den hohen und geräumigen Sälen der Galerie der Künstler im Völkerkundemuseum hängen und stehen nur vierzehn Arbeiten, Geigers Bild als Blickpunkt und Blickfang miteingeschlossen. So kann jedes Werk als eigenes Kraftfeld sich behaupten, im Dialog mit den anderen. Geiger begreift Farbe als ein „autonomes Element“, von anderen Ansätzen aus gehen Günter Fruhtrunk, Raimund Girke, Gotthard Graubner und Gerhard Richter auf das gleiche Ziel zu. Umgekehrt wird bei Erwin Heerich, Ernst Hermanns und Alf Lechner Form zum autonomen Element. Geiger und Norbert Kricke – über die Dialektik von Raumfarbe und Raumplastik; Geiger und Günther Uecker – Sinnlichkeit gegen Verletzbarkeit; Geiger und Konrad Klapheck – Poesie der Farbe und prosaische Gegenständlichkeit. Die Arbeiten von Emil Schumacher und Heinz Mack machen deutlich, daß Geigers monochrome, lichthaltige Malerei nicht vom Informel herkommt und nicht auf Op Art hinweist, sie hat nur ein Thema, ein Motiv: die Farbe. (Völkerkundemuseum bis zum 13. Februar, Katalog 25 Mark) Helmut Schneider

Wichtige Ausstellungen:

Baden-Baden: „Alexander Rodtschenko und Warwara Stepanowa“ (Staatliche Kunsthalle bis 13. 3., Katalog 32 Mark)